Wien. Mit Rudolf Gelbard ist ein Stück österreichische Zeitgeschichte gestorben. Der Wiener Journalist war nämlich einer der prominentesten Holocaust-Überlebenden und Zeitzeugen des NS-Regimes. In der Nacht auf Mittwoch ist er 87-jährig in seiner Heimatstadt Wien gestorben. Seine Lebensgeschichte hat er bis zum Ende unermüdlich nachfolgenden Generationen erzählt – damit sich das, was er und Millionen andere durchgemacht haben, niemals wiederholen möge.

Am 4. Dezember 1930 in eine jüdische Familie hineingeboren, wuchs er in der Leopoldstadt auf. Zwei Monate vor seinem 12. Geburtstag, im Oktober 1942, wurde die ganze Familie ins KZ Theresienstadt deportiert. Was er dort durchlitten hat, konnten die nachgeborenen Generationen bei seinen zahlreichen öffentlichen und mehr oder weniger privaten Auftritten als Zeitzeuge erfahren.

Ein Aufstand verhinderte die Verlegung ins Todeslager

So erzählte er auch der "Wiener Zeitung" im Rahmen des Jubiläumsjahres 2015, wie es bis zum Kriegsende im Konzentrationslager zuging. Dabei zitierte er auch den Literaturnobelpreisträger und Auschwitz-Häftling Imre Kertész, der über ihn gesagt hatte: "Dass ich selbst überlebt habe, war ein Betriebsunfall." Eigentlich hätten die Gelbards nämlich im Herbst 1944 nach Auschwitz-Birkenau – und damit wohl in den sicheren Tod – geschickt werden sollen. Bis dahin war die Familie immer wieder von den Transporten verschont geblieben, weil die Mutter in einem kriegswirtschaftlichen Betrieb der deutschen Luftwaffe arbeitete.Als dennoch die Verlegung ins Todeslager unvermeidlich schien, gab es dort einen Aufstand des Sonderkommandos bei den Gaskammern, bei dem diese zerstört wurden. Die Transporte fielen deshalb aus. Im Februar 1945 sollten auch in Theresienstadt Gaskammern gebaut werden. "Das hat ein sehr mutiger Mann, der Chef der Technischen Abteilung, dem letzten Lagerkommandanten Karl Rahm vorgehalten. Der hat ihn geschlagen, aber weil man Angst vor einem Aufstand hatte, wurde dieser Bau nicht fertiggestellt."

Als eines der wenigen Kinder überlebte Rudolf Gelbard das KZ Theresienstadt. Nach der Befreiung 1945 galt sein Einsatz als Mitglied der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer der Aufklärung über die NS-Verbrechen ein. Er hielt nicht nur unzählige Vorträge (auch an Schulen, vor diversen Jugendgruppen oder auf Bühnen wie jener des Burgtheaters), sondern war auch Kulturreferent der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien.

"Österreich verliert einen wichtigen Zeitzeugen"

Beruflich fasste Gelbard, der Ende der 1940er Jahre die Akademie der Sozialistischen Jugend Österreich und in den 1950ern die Parteischule der SPÖ Wien absolviert hatte, im Journalismus Fuß und war von 1975 bis 1990 Redakteur beim "Kurier" in der Ombudsmann-Redaktion. Für seine Verdienste als Zeitzeuge zeichnete ihn die Republik Österreich unter anderem mit dem Berufstitel Professor und der Joseph-Samuel-Bloch-Medaille aus. Seit 2008 vergibt der Republikanische Club – Neues Österreich den Rudolf Gelbard Preis für Aufklärung gegen Faschismus und Antisemitismus.
Sein Tod hat tiefe Betroffenheit vom Bundespräsidenten abwärts ausgelöst. Österreich verliere "einen wichtigen Zeitzeugen der Schoah, einen wachsamen Mahner vor Antisemitismus und Intoleranz sowie einen engagierten Kämpfer für Demokratie, Humanismus und Rechtsstaatlichkeit", so Alexander Van der Bellen. n