Der Orbit der ISS liegt in 400 Kilometern Höhe. - © reuters
Der Orbit der ISS liegt in 400 Kilometern Höhe. - © reuters

Washington/Moskau. "Die komplexeste, wertvollste und unwahrscheinlichste Maschine, die die Menschheit jemals gebaut hat" nennt der deutsche Astronaut Alexander Gerst seinen derzeitigen Wohn- und Arbeitsort. Doch auch die Internationale Raumstation ISS, auf der Gerst bereits zum zweiten Mal Dienst tut, ist ohne Zweifel in die Jahre gekommen. So ist es heute auf den Tag genau 20 Jahre her, dass mit dem russischen Modul "Sarja" (Morgenröte) der erste Teil der ISS ins All gebracht wurde.

Der eigentliche Startschuss war allerdings schon am 25. Jänner 1984 erfolgt, als US-Präsident Ronald Reagan die US-Raumfahrtagentur Nasa mit der Entwicklung einer bemannten Raumstation beauftragte. Bald schon warben die Amerikaner bei den Europäern um Teilhabe - auch um zu verhindern, dass dort an einer eigenen Station getüftelt wird. Mit dem Ende der Sowjetunion 1990 entstand die ebenfalls nicht ganz selbstlose Idee, die Russen mit ins Boot zu holen. Eine Kooperation mit unzähligen Vorteilen etwa für die Völkerverständigung nach dem Kalten Krieg - aber auch Nachteilen. So wurde die Station größer als eigentlich geplant und gebraucht.

Die meisten Bauteile stammen aus den USA und Russland. Mit dem in Bremen und Turin gebauten Forschungslabor Columbus erhielt das Haus im Orbit 2008 auch ein europäisches Zimmer. Mit einer gemütlichen Herberge ist der Koloss nicht vergleichbar. Bei voller Besetzung gibt es kaum Privatsphäre, die speziell vorbereiteten Mahlzeiten kommen aus dem Sackerl. Waschmöglichkeiten zwischen Kabeln und Computern sind zwar spektakulär, das Prozedere ist aber mühselig, wie die Raumfahrer immer wieder dokumentieren. Viel Arbeitszeit muss für die Wartung von Geräten und zum Putzen aufgewendet werden. Vor allem wegen der Lüftungsventilatoren ist es zudem fortwährend sehr laut, wie der US-Astronaut Scott Kelly in seinem kürzlich erschienenen Buch "Endurance" schreibt. Die ISS rieche vor allem nach den Ausgasungen der Geräte und sonstigen Einrichtungen, "die wir auf der Erde als ,Neuwagengeruch‘ bezeichnen". Hinzu komme der Körpergeruch und der des Abfalls, der zwar möglichst hermetisch isoliert, aber eben nur alle paar Monate entsorgt werde.

Viele Spekulationen


Über den Zustand der ISS gibt es zurzeit viele Spekulationen, auch weil die Nasa und die russischen Kollegen von Roskosmos nur spärliche Informationen dazu geben. Die Raumstation, deren Errichtung und Betrieb bisher mehr als 100 Milliarden Dollar verschlungen haben, dürfte trotz vieler Nachrüstungen über die Jahre ziemlich gelitten haben. Auch äußerlich: Einschläge verursachen immer wieder kleine Krater. Einige Male musste die ISS Weltraumschrott ausweichen und deswegen kurzfristig ihren Kurs ändern. Einmal durchschlug ein winziger Splitter ein Sonnensegel.

Doch es ist weniger der technische Zustand der Raumstation, der einen Weiterbetrieb in Frage stellt. Denn auch wenn die europäische Raumfahrtorganisation ESA es für möglich hält, dass ihre Mitgliedstaaten die ISS bis 2028 im Orbit halten wollen, ist der Betrieb bisher nur bis 2024 gesichert. Und bei den USA scheint die Begeisterung für das Projekt mittlerweile deutlich erlahmt zu sein. So strebt die Regierung von Präsident Donald Trump einen Schnitt bei der ISS an und will eine Privatisierung vorantreiben.

ESA-Chef Jan Wörner glaubt aber nicht an ein solches Engagement von Unternehmen. Der Gesamtbetrieb der Raumstation sei einfach zu teuer, sagte er einmal. Will niemand mehr den 450-Tonnen-Koloss nutzen, soll die ISS stufenweise - wie schon der russische Vorgänger Mir - kontrolliert in den Pazifik stürzen.