Bagdad. Sie waren immer zu viert. Almaz, Amira, Nassor und Halida. Zu viert saßen zu Hause und sahen sich Videos auf dem Handy an. Auf Instagram posteten sie Fotos von sich und manchmal lasen sie die Accounts der Jungs, die sie mochten. Und immer sagten die anderen: Was habt ihr eigentlich den ganzen Tag so viel miteinander zu reden?

Seit sie im Flüchtlingslager wohnt, seit Nassor und Halida mit ihren Familien nach Westeuropa flohen, seit andere Mädchen aus ihrem Dorf verschollen sind, ob tot oder entführt, das weiß sie nicht, seit ihr Zuhause nicht mehr existiert, schweigt Almaz meistens. Alle in der Familie haben ihren Kummer. Warum sollte sich jemand für ihre Einsamkeit interessieren? Nur Amira ist ihr geblieben. Sie hat Almaz’ Bruder Hussein geheiratet. Doch Amiras Schweigen ist noch viel größer als ihres. "Warum sprichst du nicht mit mir?", hat sie Amira gefragt. "Weil ich keine Worte mehr mag."

Almaz (2. v. l.) wollte einmal Anwältin werden. Im Lager kann sie ihren Schulabschluss nicht nachholen. - © Andrea Jeska
Almaz (2. v. l.) wollte einmal Anwältin werden. Im Lager kann sie ihren Schulabschluss nicht nachholen. - © Andrea Jeska

Almaz ist 20 Jahre alt. Wäre sie in ihrem Dorf geblieben, hätte sie wohl schon einen der Burschen geheiratet, deren Fotos sie bei Instagram ansah. Hätte einen Haushalt, Schafe, Ziegen, vielleicht ein Kind. Ob das ein gutes Leben gewesen wäre, das weiß nur Allah, aber es wäre ihr eigenes gewesen. Das, was sie jetzt hat, gehört ihr nicht. Es gehört ihrer Großfamilie, mit der sie in Zelten wohnt, die zehn Mädchen in einem, die Jungen und die Männer im anderen, die Frauen im dritten und dann gibt es noch zwei Küchen und zwei Toilettenhäuschen. Es gehört ihnen, weil sie für die anderen arbeiten: Wäsche waschen, putzen, kochen. Und still sein. Nicht klagen. Niemals klagen.

Folter, Demütigungen und sexuelle Ausbeutung

Das Leben, das sie jetzt hat, ist gewoben aus Flucht, Armut, einem Zeltlager und Trauer um alles, was verloren ging. Verloren ging vor allem die Zukunft. Erst vor einigen Wochen hat sie ihren Vater wieder gefragt, wann sie nach Hause gehen. Sie weiß, es ist eine verbotene Frage, aber sie kann nicht anders, als sie immer wieder zu stellen. Diesmal hat der Vater ihr geantwortet. "Erst in vielen, vielen Jahren", hat er gesagt und sie dabei nicht angesehen. Und Almaz dachte: Vielleicht heißt das: nie.

Almaz ist Teil der Familie Abdullah und sie ist Jesidin, eine von vielen Hunderttausenden, die im August 2014 vor dem IS aus ihrem Heimatgebiet rund um die nordirakische Stadt Sindschar fliehen mussten. Viel ist geschrieben und erzählt worden über diese Vertreibung und die Morde an jenen, die nicht entkamen. Tausende von Kindern und Frauen hat der IS damals verschleppt, die Frauen wurden zu Sklavinnen für Arbeit und Sex, die Kinder an der Waffe ausgebildet. Die Männer und Kinder erschossen sie meist auf der Stelle. Manche der Verschleppten lebten viele Jahre lang in unterirdischen Verliesen ohne Licht und als sie befreit wurden, waren ihre Gesichter grau und ihre Augen fast blind. Jede Geschichte, die die Befreiten erzählten, war eine von Folter, Vergewaltigungen, Demütigungen und Schmerzen. Die junge Nadja Murat, auch eine Entkommene, wurde das Gesicht und die Stimme dieser Schicksale, sie hat der Welt davon erzählt. 2018 bekam sie dafür den Friedensnobelpreis.