Bischkek. Sie hatte einen ganzen Koffer Windeln gepackt. So war Gulsar Dujschenowa es gewohnt: niemals aus dem Haus gehen ohne Windeln. Denn Toiletten, in die auch noch ihr Rollstuhl passt - die 41-Jährige lächelt verlegen -, die könne sie in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek an einer Hand abzählen. Jeder Gang aus dem Haus, jede Fahrt in die Stadt, jeder Auftritt, jede Tanzprobe müssen hier sorgsam geplant sein. Für einen an sich gerade einmal 20-minütigen Weg braucht Gulsar Dujschenowa zuweilen auch einmal drei Stunden. "Ich esse dann weniger, trinke weniger, aber für den natürlichen Lauf der Dinge muss man ja gewappnet sein."

So stand sie also da, vor Jahren, mit ihrem Windelkoffer am Flughafen von Tokio und fühlte sich "auf einen Schlag nicht mehr besonders. Ich war ein Mensch wie jeder andere auch. Nur eben mit einem Rollstuhl." Die kämpferische Kirgisin denkt noch heute an diesen Moment in Japan zurück, als sie von einer japanischen Stiftung zu einem Praktikum eingeladen worden war: an all die behindertengerechten Toiletten, an abgesenkte Eingänge zu Gebäuden, an rutschfeste Rampen, an einen Professor, der mittels einer Sprachassistentin lehrte.

Schuld und Sühne

"Wir hier in Kirgisistan haben noch einen weiten Weg vor uns." Diesen Weg prägt Gulsar Dujschenowa allein dadurch, dass sie sichtbar ist. In einem Land, in dem Menschen auch heute noch in den eigenen vier Wänden versteckt werden, in dem behinderte Kinder als "Sühne" für eine auf sich geladene Schuld im Leben betrachtet werden, in dem den Müttern vorgeworfen wird, sie hätten sich vor oder während der Schwangerschaft "unmoralisch" verhalten, gibt sie Menschen mit Behinderung ein Gesicht, eine Stimme. "Ich werde nicht mehr wie eine Außerirdische angestarrt", sagt sie in ihrem Haus in einem Dorf nahe Bischkek.

Nach einem Autounfall vor 16 Jahren wurde sie querschnittsgelähmt. Sie wollte zu ihrer Mutter 17 Kilometer weiter, stieg bei einem Vorbeifahrenden ein. Er bekam die Kurve in den Bergen nicht, war wohl auch betrunken. Gulsar Dujschenowa verlor nach all den Operationen den Lebensmut, zumal ihr Mann, ein Schäfer, bei einem Blitzeinschlag nur ein halbes Jahr nach ihrem Unfall ums Leben kam.

Erst vier Jahre später kam sie in eine Reha-Einrichtung in Bischkek - und war "geschockt". "Ich habe so viele Menschen mit allerlei Behinderungen dort gesehen, sie waren fröhlich, spielten Karten, lachten aus vollem Herzen. Ich verstand erst hier, dass ich auch etwas wert bin", sagt sie heute.

"Krüppel-Mutti"

Sie, die nach der Hochzeit ihre Sekretärinnen-Ausbildung aufgegeben hatte, fing an, sich zu engagieren, um auch ihren beiden Söhnen, heute 19 und 22 Jahre alt, ein Vorbild zu sein. Erst vor kurzem hätten sie ihr erzählt, wie sehr sie in der Schule wegen der "Krüppel-Mutti" gehänselt worden waren. Sie bekommt umgerechnet 25 Euro Beihilfe vom Staat und arbeitet in Projekten internationaler NGOs.

"Wir müssen die Menschen aufklären, in die Schulen gehen, die Regierung dazu bringen, uns ein Leben in Würde zu ermöglichen."

Kirgisistan hat zwar, wie 176 andere Länder auch, die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008 unterschrieben, aber bislang nicht ratifiziert. Die wirtschaftliche Lage sei schlecht, sie könne nicht all das umsetzen, was in der Konvention stehe, sagt die kirgisische Regierung stets. Gulsar Dujschenowa hat solche Sätze oft gehört, eine billige Ausrede sei das. "Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf Kindergarten, Schule, Ausbildung, einen Job", sagt sie ruhig und bereitet ihren Weg nach Bischkek vor.

Am nächsten Tag will sie tanzen, in einem neuen, einem inklusiven Projekt mitten in der Stadt. Der Weg dorthin bereitet ihr - wieder einmal - etwas Sorge.