Und hier in Bogotá sowie in anderen kolumbianischen Städten lernen sie den Neuanfang für ein Leben ohne Krieg und Gewalt. Unterstützt wird das Projekt etwa vom Kinderhilfswerk Terre des Hommes und von zahlreichen kirchlichen Organisationen.

Manchmal ist es einfach der pure Zufall, der darüber entscheidet, wohin der Krieg ein Kind oder einen Heranwachsenden katapultiert.

Rekrutierung unter Zwang

Weit draußen auf dem Land, wo der Staat nur wenig Präsenz zeigte, marschierten die linken und rechten Banden durch die Dörfer und zwangen die Kinder zum Dienst an der Waffe. Wer sich weigerte, lief Gefahr, dass die eigene Familie erschossen oder vertrieben wurde. Und dann war da auch noch die Aussicht auf das schnelle Geld, denn irgendwie sind alle illegalen Gruppen in den lukrativen Drogenhandel verwickelt.

"Ich habe mit zwölf Jahren als Wache angefangen", berichtet Kevin (29) über seine ersten Jahre in der Guerilla. Er sitzt in der Küche von "Benposta" an einem langen Holztisch, an dem am Abend gemeinsam gegessen wird. Seinen richtigen Namen will er nicht nennen, sein Leben ist immer noch in Gefahr. Kevin gehörte einer der beiden bis heute aktiven Guerillagruppen an. Sie sieht ihn als Deserteur, als Verräter.

In den ersten Jahren habe er 800.000 Pesos (zu dieser Zeit umgerechnet etwa 300 Euro) pro Bericht und Botendienst bekommen, die dem Drogenhandel dienten. Das war schon zu jener Zeit für einen Jugendlichen viel Geld. "Das Geld, das du verdienen konntest, hat dich auf der einen Seite glücklich gemacht, aber es entfernt dich auch von jenen Menschen, die du am meisten liebst", sagt er heute.

Flucht dank der UNO

Kevin blickt auf ein bewegtes Guerillaleben zurück. Als er 16 Jahre alt war, stieß er zu den aktiven Reihen der Guerilla. "Ich habe mit der Waffe gekämpft. Gegen andere Guerillagruppen, gegen die Armee", berichtet Kevin. Er spürte den Lauf einer Waffe an der Schläfe, weil ihm die Mitkämpfer misstrauten und vermuteten, dass er fliehen wollte. Sie rissen ihm die Fingernägel heraus und ließen Ameisen an ihm nagen.

Zwei Stunden lang schrie Kevin vor Schmerzen. Seine Mitkämpfer beschossen das Haus seiner Mutter und bedrohten seine Schwester. Trotzdem gelang es Kevin, zur Flüchtlingsorganisation der UN, Acnur, Kontakt aufzunehmen. Die brachte ihn nach einer bewegenden Flucht über Cúcuta im Osten Kolumbiens schließlich nach Bogotá. Nach "Benposta". In die Sicherheit. In ein neues Leben.

"Wenn ich Präsident wäre", sagt Kevin heute, würde ich den ganzen Staat umkrempeln. Eine neue Welt aufbauen, "denn der kolumbianische Staat ist korrupt". Kevin misstraut dem amtierenden kolumbianischen Präsidenten Iván Duque aus dem Lager seines prägenden Vorgängers, dem rechtskonservativen Álvaro Uribe (2002 bis 2010). Uribe ist bis heute in Kolumbien ungeheuer populär, aber eben auch wegen seiner Nähe zu den gefürchteten rechtsgerichteten paramilitärischen Gruppen hochumstritten. Die Paramilitärs waren die Feinde von Kevins Guerilla, die sich aber auch mit anderen linken Gruppen schwere Kämpfe lieferten. Uribe hatte nie den Frieden gewollt, der 2016 mit der größten Guerillagruppe, der Farc geschlossen
wurde. Und Duque versucht nun, den Friedensvertrag nachträglich zu verändern, zum Entsetzen von Menschenrechtsorganisationen, den Vertragspartnern und der internationalen Staatengemeinschaft.