Vatikanstadt. Papst Franziskus hat am Donnerstag einen Erlass mit neuen Regeln im Umgang mit Missbrauch veröffentlicht. "Vos estis lux mundi" (Ihr seid das Licht der Welt) lautet der Titel des Motu Proprio, das eine Meldepflicht für Missbrauchsfälle vorsieht. Eine Anlaufstelle für entsprechende Vorwürfe soll in jeder Diözese eingerichtet werden.

Alle Kleriker und Ordensleute sind verpflichtet, den kirchlichen Behörden "unverzüglich alle ihnen bekannt gewordenen Berichte über Missbrauch zu melden". Sie müssen außerdem jeden Versuch anzeigen, die Tat zu vertuschen und den Täter zu decken. Die Meldepflicht gilt nur für Kleriker und Ordensleute, die Laien werden aber ermutigt, sich auch dieses Systems zu bedienen, um Missbrauchs- und Belästigungsfälle der zuständigen kirchlichen Behörde zu melden.


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Vos estis lux mundi
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Zu den geplanten Neuerungen gehört die Verpflichtung, dass alle Diözesen der Welt bis Juni 2020 über stabile und der Öffentlichkeit leicht zugängliche Verfahren verfügen müssen, um sexuellen Missbrauch durch Geistliche und Ordensleute sowie andere Delikte wie etwa Kinderpornografie anzeigen zu können. Die Ortskirchen sollen je nach eigener Kultur entscheiden, wie diese Anlaufstellen eingerichtet werden sollen.

Schweigegebot

Das Dokument befasst sich auch mit dem Schutz von Personen, die Missbrauch anzeigen. "Wer eine Meldung erstattet, dem kann kein Schweigegebot hinsichtlich des Inhalts auferlegt werden", heißt es in dem Schreiben. Wer Missbrauch melde, dürfe "keiner Diskriminierung" ausgesetzt werden. Das Beichtgeheimnis bleibt von den neuen Normen unberührt. Die Verpflichtung zur Anzeige an die kirchliche Behörde rüttle nicht an der Meldepflichten, welche in den zivilen Rechtsordnungen der jeweiligen Länder vorgesehen sind.

Das Motu Proprio regelt außerdem die Ermittlungen gegen Bischöfe und Kardinäle, sowie andere Personen, die in der Kirche Leitungsverantwortung tragen. Der Metropolitanerzbischof erhält vom Vatikan den Auftrag, Ermittlungen durchzuführen, wenn es bei dem Beschuldigten um einen Bischof geht.

In Österreich sind die Zuständigen daher die Erzbischöfe von Wien und Salzburg, Kardinal Christoph Schönborn und Franz Lackner. Zur Kirchenprovinz Wien gehören neben der Erzdiözese Wien die Diözesen Linz, Eisenstadt und Sankt Pölten, zur Kirchenprovinz Salzburg neben der Erzdiözese Salzburg die Diözesen Feldkirch, Innsbruck, Gurk-Klagenfurt und Graz-Seckau.

Deutsche Ministerin: Missbrauch keine interne Sache der Kirche

Die deutsche Justizministerin Katarina Barley sieht die Einführung der internen Meldepflicht für Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche skeptisch. "Sexueller Missbrauch von Kindern ist von Strafgerichten zu beurteilen", erklärte Barley am Donnerstag in Berlin. "Die schrecklichen Missbrauchstaten sind keine interne Angelegenheit der katholischen Kirche."

Barley forderte die Kirche auf, "jede Straftat" anzuzeigen, damit Staatsanwaltschaften ermitteln könnten. Bei jedem Hinweis auf sexuellen Missbrauch müsse "unmittelbar" Strafanzeige gestellt werden. Andernfalls blieben die "Mauern des Schweigens" erhalten, die den Missbrauch so lange verdeckt und verschleiert hätten. Das jahrzehntelange "Verleugnen und Vertuschen" habe die alten Hierarchien erhalten.

Die SPD-Ministerin hob hervor, "nur die umfassende Aufklärung aller noch nicht verjährten Taten" durch Staatsanwaltschaften und Gerichte könne das ändern. "Unsere Strafprozessordnung kennt keine Geheimarchive."

Die kirchlichen Vorschriften sehen bereits seit Jahren eine Beachtung staatlicher Strafbestimmungen und Meldepflichten in Missbrauchsfällen vor. "Insbesondere sind die staatlichen Rechtsvorschriften bezüglich einer Anzeigepflicht für solche Verbrechen immer zu beachten", heißt es etwa in einem Schreiben der vatikanischen Glaubenskongregation aus dem Jahr 2011, das als Grundlage für die Erstellung von Leitlinien der Bischofskonferenzen gegen Missbrauch dient. (dpa, apa)