Buikwe. Eine große Narbe zieht sich über Roberts Hals. Ein traditioneller Heiler schnitt dem sechs Jahre alten Buben die Kehle auf. Sein Blut sollte den Hexenmeister und seinen Auftraggeber reich machen. Robert überlebte den Mordanschlag schwer verletzt, doch in Uganda fallen jedes Jahr Dutzende Kinder einem tödlichen Aberglauben zum Opfer. Mit Hilfe von christlichen und muslimischen Geistlichen kämpft das zentralafrikanische Land jetzt gegen rituelle Kindstötungen.

Auf wackeligen Beinen müht Robert sich nun an der Hand seiner Pflegerin einen Hügel hoch. Alleine gehen kann er nicht. Zu tief hatte die Klinge des skrupellosen Medizinmannes sich in das Rückenmark des Buben gebohrt. Zumindest hat Robert seine Stimme wiedergefunden. Nachdem er fast getötet worden war, hatte er länger als ein halbes Jahr nicht gesprochen. "Ich möchte Pilot werden", sagt er leise. Er spricht lieber über die Zukunft. Über das, was ihm widerfahren ist, möchte er nicht mehr reden.

Später erzählt Harriet Namubiru, Roberts engste Vertraute und Pflegerin, dass ihr Schützling vor zweieinhalb Jahren aus der Hütte seiner Großmutter entführt worden war. Kurz darauf wurde er mit aufgeschnittenem Hals auf einem Feld gefunden. Sieben Operationen retteten Roberts Leben, die seelischen Wunden konnten sie nicht heilen. Seit jener Nacht hat das Kind Angst vor fremden Männern, nachts wacht es oft weinend auf. Der oder die Täter wurden nie gefasst.

Der achtjährige Robert sollte rituell getötet werden. Er überlebte schwer verletzt. Mit seiner Betreuerin Harriet lernt er wieder gehen.
Der achtjährige Robert sollte rituell getötet werden. Er überlebte schwer verletzt. Mit seiner Betreuerin Harriet lernt er wieder gehen.

"Perverses Geschäft"

Genaue Zahlen gibt es nicht, doch vor gut zehn Jahren kam es in Uganda zu einem plötzlichen Anstieg an rituellen Kindstötungen. Nachdem sie aufwendige Studien durchgeführt hatten, kamen die britische Hilfsorganisation HumaneAfrica, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF und die ugandische Menschenrechtskommission zur Einschätzung, dass seitdem jedes Jahr Dutzende Buben und Mädchen traditionellen Heilern zum Opfer fallen.

Die kriminellen Medizinmänner versprechen ihren Kunden, dass das zu einem Zaubertrank verarbeitete Blut der Kinder und ihre meist bei lebendigem Leib entfernten Köpfe, Gliedmaßen, Genitalien, Hände, Füße, Zungen, Zähne und Eingeweide ihre Kunden reich machen oder sie von Impotenz, Unfruchtbarkeit oder schweren Krankheiten heilen würden. Andere behaupten, dass ein lebendig in das Fundament eines Hauses eingegrabenes Kind das Gebäude segnen und seinem Besitzer zu großem Reichtum verhelfen würde. Auch in Nigeria, Swasiland, Liberia, Tansania, Namibia, Simbabwe, Mosambik und Mali gab es ähnliche Fälle. Vereinzelt wurden auch Erwachsene getötet, und Schwangeren wurden ihre ungeborenen Kinder aus dem Bauch geschnitten, doch meist fallen Kinder und Jugendliche den Verbrechen zum Opfer. Dass sie oft arg- und wehrlos sind und als besonders rein gelten, wird ihnen zum Verhängnis. "Die Kindstötungen sind keine alte Tradition. Dieses perverse Geschäft haben Heiler sich auf der Suche nach einer lukrativen Einkommensquelle erst vor ein paar Jahren ausgedacht", berichtet Obed Byamugisha, Kinderschutzbeauftragter der Entwicklungshilfe-Organisation World Vision.