Lügde. Die Kinder hatten den Mann Addi genannt. Addi hatte mit ihnen gespielt oder Ausflüge mit ihnen unternommen. Zum Beispiel ins Schwimmbad oder zum Ponyreiten. Und wer das machte, was Addi wollte, bekam zur Belohnung ein Eis, Schokolade oder Spielzeug.

Was Andreas V. - so der bürgerliche Name von Addi - alles wollte, ist in jenem mehr als 1000 Seiten starken Bericht zu lesen, den die Ermittlungskommission "Eichwald" vor kurzem an die Staatsanwaltschaft im deutschen Detmold geschickt hat. Und das meiste davon lässt auch abgebrühte Ermittler und Staatsanwälte fassungslos zurück. Denn Andreas V., gegen den nach sechsmonatigen Ermittlungen nun diese Woche Anklage erhoben werden dürfte, hat die mit Schokolade und Reitausflügen garnierte Wohlfühlatmosphäre einzig und allein für den Zweck geschaffen, die Kinder in seinem Umfeld sexuell zu missbrauchen.

Insgesamt soll der 56-Jährige Arbeitslose, der bis zur seiner Verhaftung im Dezember in einem heruntergekommenen Wohnwagen auf einem Campingplatz in Lügde gelebt hat, 28 Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren vergewaltigt oder sexuell missbraucht haben. Sein Komplize Mario S. soll nach bisherigem Ermittlungsstand 18 Opfer missbraucht haben. Einige davon sollen so klein gewesen sein, dass sie nicht einmal die Schuhe selbst binden konnten.

Zum Missbrauch angeleitet

Laut dem "Westfalen-Blatt" soll einer der beiden Männer seine Opfer auf dem Campingplatz zudem gezwungen haben, ihrerseits andere Kinder zu missbrauchen. Dabei soll er sie angeleitet und gefilmt haben. Ähnlich wie die ebenfalls auf Video festgehalten Vergewaltigungen dürften auch diese Clips über im sogenannten Darknet angesiedelte Internet-Plattformen an Pädophile verkauft worden sein. Manche Kinder hätten versucht, sich verbal oder körperlich zu wehren, aber die Täter hätten nur selten nachgegeben, sagt Rechtsanwalt Peter Wüller, der vier mutmaßliche Missbrauchsopfer vertritt, gegenüber dem "Westfalen-Blatt". "Einer der Beschuldigten soll den Kindern mit Wohnwagenarrest gedroht haben. Das bedeutete, dass sie seinen Wohnwagen nicht verlassen durften, wenn sie nicht taten, was er wollte." Den Kindern wurde aber auch Angst eingejagt, um sicherzustellen, dass sie sich nicht ihren Eltern, von denen zumindest einige in einem freundschaftlichen Verhältnisse zu Andreas V. standen, anvertrauen. So soll einem der kleinen Mädchen erzählt worden sein, ein Geist würde sie holen, wenn sie über das Erlebte spreche.

Zu den frühesten Missbrauchsfällen des Hauptbeschuldigten soll es bereits in den 1990er-Jahren gekommen sein. Die meisten der knapp 1000 Fälle sollen sich aber seit 2016 ereignet haben, als Andreas V. eine Pflegetochter bekam, die er als Lockvogel einsetzte, um zu anderen Kindern Vertrauen aufzubauen. Zu dieser Zeit gab es laut deutschen Medien auch schon immer wieder Hinweise auf möglichen Missbrauch, denen aber weder von den zuständigen Jugendämtern noch von der Polizei nachgegangen wurde.

Massive Versäumnisse und Pannen gab es aber auch nach der Festnahme von Andreas V. und dem damit verbundenen Publikwerden des Falls. So verschwand etwa ein Koffer mit 155 Datenträgern bei der Polizei in der Dienststelle Lippe. Ein Polizeischüler hatte sie bearbeitet - und dann unregistriert und ungesichert liegengelassen. Weitere CDs mit kinderpornografischem Material wurden überhaupt erst gefunden, als Anderas V.s mehrfach von der Polizei durchsuchte Holzbaracke auf dem Campingplatz vom Betreiber des Areals abgerissen wurde. (rs)