Kiew. (leg) Prypjat, das war einmal ein Versprechen, war einmal Zukunft. Ein lebendiger Ort, eine Stadt mit einer jungen Bevölkerung, deren Durchschnittsalter 26 Jahre betrug. Eine Stadt im Grünen im Norden der ukrainischen Sowjetrepublik. Eine Stadt, die eigens für die Arbeiter im nahen Atomkraftwerk in die idyllische Naturlandschaft gestellt wurde - dem AKW Tschernobyl.

"Es herrschten paradiesische Zustände", erinnert sich Anatoli Kaljagin, ehemals Arbeiter im AKW. "Überall war Wald, am Wochenende gab’s Picknick am See, es war herrlich." Das Leben für die Angestellten und Arbeiter des Kraftwerks Tschernobyl war besser als jenes, das die kommunistische Partei vielen anderen Bürgern bieten konnte. Kaljagin zog mit seiner Frau nach Prypjat, sie bekamen Kinder. Die 50.000-Einwohner-Stadt bot viel, Literaturzirkel, Theater und einen Vergnügungspark mit Riesenrad.

Die Gasmasken der Retter. - © reuters/Valentyn Ogirenko
Die Gasmasken der Retter. - © reuters/Valentyn Ogirenko

Der 26. April 1986 machte alles zunichte. Kaljagin versah an dem Tag der Atomkatastrophe von Tschernobyl im AKW seinen Dienst. Er konnte noch unmittelbar nach der Havarie seine Familie anrufen, die deshalb floh - früher als andere. Dann gehörte er zu jenen Liquidatoren, die den Super-GAU einzudämmen hatten - und sich dabei die Gesundheit ruinierten. Das Zukunftsversprechen des technikgläubigen Sowjetkommunismus war geborsten.

Wer Prypjat heute betritt, hat eine Geisterstadt vor sich. Die Häuser sind verlassen, der Asphalt ist brüchig, überall erobert sich die Natur den Raum, den einst der Mensch für sich beanspruchte, zurück. Das Dach des einstigen Autodroms im Vergnügungspark ist eingestürzt, das Riesenrad - damals ein Symbol Prypjats - rostet vor sich hin.

Selfie mit Stringtanga

- © REUTERS
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Vielleicht ist es diese morbide Geisterstadt-Romantik, vielleicht ist es der Nervenkitzel, der von dem immer noch verstrahlten Ort ausgeht - aber in den letzten Jahren hat der Tourismus in die verlassene Stadt merklich zugenommen. Um rund 100 US-Dollar kann man in Kiew eine Gruppenreise in die 150 Kilometer entfernte Sperrzone buchen. Das Gesundheitsrisiko hält sich dabei in Grenzen: Die Strahlendosis läge deutlich unter der bei einem Flug, betonen Experten.

Dem nicht genug, ist der Besucheransturm im Mai raketenartig in die Höhe geschnellt. Grund für den Anstieg der Buchungen von 30 bis 40 Prozent dürfte die US-amerikanisch-britische TV-Serie "Chernobyl" sein, die bei HBO und Sky ausgestrahlt wird und die weltweit Beachtung findet - auch und besonders übrigens in Russland, Weißrussland und der Ukraine. Das TV-Drama, das irgendwo zwischen Realität und Fiktion angesiedelt ist, reißt das verlassene Prypjat aus seinem Dornröschenschlaf.

Die Folgen sind nicht immer angenehm: So posiert so mancher "Influencer" mit nacktem muskulösem Oberkörper vor dem Ort des Schreckens. Eine junge Frau ließ sich gar mit Stringtanga ablichten, den Schutzanzug hatte sie neckisch abgestreift - ob das Foto wirklich aus Prypjat stammte, war freilich nicht klar. Die Kritik an solch pietätlosem Verhalten bleibt jedenfalls nicht aus. Auch der Autor der Serie, Craig Mazin, mahnte die Tschernobyl-Besucher zu Respekt. Man solle beim Besuch der Sperrzone daran denken, "dass dort eine furchtbare Katastrophe geschah", sagte er.

Fotos vor den Baracken

Tschernobyl ist nicht der einzige ehemalige Schreckensort, der sich mit gefühllosem Verhalten von Touristen konfrontiert sieht: Erst im März hatte die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Polen Besucher, die auf den Schienen des KZs für Fotos balancierten, daran erinnern müssen, dass dort mehr als eine Million Menschen getötet wurde. Auch in Auschwitz kommt es vor, dass Besucher vor den Todeszäunen oder den Baracken für Fotos posieren.