Wien. Dass Politik den Charakter ruiniert, ist schon dem deutschen Staatsgründer Otto von Bismarck nicht entgangen. Dass das Geschäft mit der Macht aber auch physisch enorme Konsequenzen haben kann, wird gerade dieser Tage offensichtlich. Drei Mal ist die deutsche Kanzlerin Angela Merkel im Scheinwerferlicht von Zitterattacken am ganzen Körper heimgesucht worden, direkt im Fokus der Kameras und für alle Welt sichtbar.

Seitdem fragt sich nicht nur Deutschland, was mit der Frau los ist, von deren Fitness und Geistesgegenwart enorm viel abhängt. Die Kanzlerin selbst verweist darauf, dass es ihr gut gehe, was den Spekulationen freilich keinen Abbruch tut. Dass Politiker ein unmenschliches Arbeitspensum stemmen müssen, ist kein Geheimnis, dass das für die deutsche Kanzlerin im Besondern gilt, ist offensichtlich.

"Die Frau, die niemals schläft"

John F. Kennedy war ein chronisch kranker Mann. - © APA/dpa/Willi Gutberlet
John F. Kennedy war ein chronisch kranker Mann. - © APA/dpa/Willi Gutberlet

Merkel eilt von Gipfel zu Gipfel, von Besprechung zu Besprechung und von Rede zu Rede, Zeit für Ruhe bleibt da nicht. Zuletzt verhandelte sie rund 30 Stunden lang mit nur kurzen Unterbrechungen über die Besetzung von EU-Topjobs.

Fordert der Stress nun seinen Tribut? "Merkel, die Frau, die niemals schläft" titelte der Boulevard, nachdem die Kanzlerin im Februar 2015, am Höhepunkt der Ukraine-Krise innerhalb weniger Tage von Berlin quer durch halb Europa reiste. Die Lage war extrem heikel, es hatte in dem Konflikt bereits tausend Tote gegeben. Merkel trifft innerhalb weniger Stunden Frankreichs damaligen Präsidenten Francois Hollande, dann das ukrainische Staatsoberhaupt Petro Poroschenko. Die Gespräche dauern bis Mitternacht, die restlichen Stunden, in denen der Normalbürger schläft, sitzt Merkel im Flugzeug. In Minsk hat sie nonstop 17 Stunden verhandelt. Psychologen weisen darauf hin, dass es in der Politik oft nur deshalb zu einem Kompromiss kommt, weil die beteiligten Politiker vor Erschöpfung einfach nicht mehr können.

Doch nun stellt sich die Frage drängender denn je: Kann das auf Dauer gutgehen? Die deutsche Kanzlerin selbst hat sich einmal mit einem Kamel verglichen, nur dass sie statt Wasser Schlaf speichern könne. Ärzte schließen aus, dass das langfristig möglich ist. Nach einer Phase der Anspannung brauche es eine längere Zeit der Erholung.

Der Mythos von der unbegrenzten Belastbarkeit von Politikern wird nichtsdestotrotz eifrig gepflegt. Von der britischen Premierministerin Margret Thatcher, der "Iron Lady", heißt es, dass sie mit nur vier Stunden Schlaf täglich ausgekommen wäre. Sie hat das gut überstanden und ist weit über 80 Jahre alt geworden.