Goma/Genf. Das schreckliche Wort fiel nach der Rückkehr aus der Geburtsstation des nahe liegenden Krankenhauses: Ebola. Bei der Kongolesin Kaswera Kahumba sitzt der Schmerz darüber noch immer tief. Ihre Schwiegertochter hatte in einem Spital der Stadt Beni ein Kind zur Welt gebracht, war dann aber nach der Rückkehr plötzlich krank. Der Grund: Sie hatte sich während des Klinikaufenthalts mit Ebola infiziert. "Wir brachten sie in ein nahe liegendes Krankenhaus, aber nach ein paar Tagen starb sie", erinnert sich die 63-jährige Kahumba und seufzt: "Wir vermissen sie sehr." Und noch immer tötet das Ebola-Virus Menschen im Kongo.

Am 1. August des Vorjahres hat das Gesundheitsministerium den Ebola-Ausbruch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet. Im Juli waren bereits einige Fälle eines mit Blutungen einhergehenden Fiebers aufgetreten, ohne dass Mediziner sofort Ebola diagnostiziert hatten. Auch ein Jahr später ist die gefährliche Seuche nicht unter Kontrolle.

Bisher sind rund 2600 Menschen erkrankt und fast 1800 Patienten an Ebola gestorben. Die Gefahr einer Ausbreitung in die Nachbarländer ist groß. In Uganda wurden bereits drei Fälle bekannt. Sollte Ebola in das Krisenland Südsudan kommen, könnte das verheerende Konsequenzen haben.

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Noch hat dieser Ausbruch zwar nicht das Ausmaß der Epidemie in Westafrika vor fünf Jahren erreicht, bei der mehr als 11.000 Menschen starben. Doch diese Epidemie ist womöglich gefährlicher als jede zuvor. "Es ist noch kein Ende in Sicht", sagt Markus Diemon von der Welthungerhilfe in Goma.

Ebola hätte kaum eine komplexere Region treffen können. Im Ost-Kongo herrschen seit Jahrzehnten Konflikte. Etliche Milizengruppen kämpfen um die Kontrolle der Bodenschätze und terrorisieren die Bewohner sowie die Ebola-Helfer. Immer wieder müssen die Bürger vor der Gewalt fliehen. Außerdem gab es seit Jänner der WHO zufolge mindestens 198 Angriffe auf Ebola-Helfer, wodurch zumindest sieben Menschen ums Leben kamen.

Früh finden und behandeln

Und die Epidemie ist bei weitem nicht das einzige Problem. "Die Ebola-Krise ist nur eine Krise unter mehreren", erklärt Marcus Bachmann, der von April bis Juni den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen vor Ort leitete. Die Menschen haben neben der Gewalt und Flucht auch mit einem Masern-Ausbruch und mit Malaria zu kämpfen. "Ebola ist die eine Krise zu viel, die das Ganze zum Kippen bringen könnte."

Eigentlich herrschte zunächst vorsichtiger Optimismus, dass die Epidemie in den Griff zu bekommen ist. Der Kongo hat zuvor bereits neun Ebola-Ausbrüche bewältigt. Inzwischen gibt es auch Medikamente, mit denen nach WHO-Angaben etwa 70 Prozent der Infizierten geheilt werden können. Ohne diese sterben rund 70 Prozent der Kranken.

Noch bahnbrechender ist die Entwicklung eines experimentellen Impfstoffs. Das Mittel eines US-Pharmakonzerns hat nach einer Studie der WHO und des Nationalen Forschungsinstituts des Kongo eine Wirksamkeit von mehr als 97 Prozent.

Entscheidend ist aber, dass die Kranken und Angehörigen möglichst früh gefunden und behandelt werden. Genau das ist aber die große Herausforderung. "Wir glauben, dass wir wahrscheinlich gut 75 Prozent der Fälle entdecken", erklärt der WHO-Nothilfekoordinator, Michael Ryan. "Uns entgehen aber vielleicht bis zu einem Viertel der Fälle."

Das liegt zu einem Teil an Unwissenheit. In einer Region, in der Malaria und Durchfallerkrankungen weit verbreitet sind, sterben einige Menschen zuhause oder in normalen Kliniken, ohne dass ihre Familien sich bewusst sind, dass sie mit Ebola infiziert waren. So gebe es "ein sehr hohes Ansteckungsrisiko", sagt Bachmann. Wie etwa bei der Schwiegertochter der 63-jährigen Kahumba, die sich in einem Krankenhaus ansteckte. Dass ein Jahr nach Beginn der Epidemie etwa jeder vierte Ebola-Fall erst nach dem Tod diagnostiziert wird, ist Bachmann zufolge besorgniserregend.

Misstrauen in der Bevölkerung

Eine große Rolle spielen aber auch die Angst und das Misstrauen der Menschen. Nach Jahren der Gewalt und Instabilität hat die Bevölkerung wenig Vertrauen in die Behörden und ausländische Helfer. Die Wege zur nächsten Ebola-Klinik sind oft weit, und die Bedrohung durch Milizen ist groß. Hinzu kommt, dass Gerüchte über Ebola die Runden machen, manche von ihnen absichtlich geschürt. Das Vertrauen der Bevölkerung ist aber extrem wichtig. "Damit steht und fällt der Erfolg, eine Ebola-Epidemie unter Kontrolle zu bringen", betont Bachmann.

Nach einem Jahr Ebola im Ost-Kongo ist klar: Um die Epidemie einzudämmen, muss mehr getan werden. Nach der ersten Feststellung eines Ebola-Falls in der Millionenstadt Goma rief die WHO Mitte Juli eine "gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite" aus.

Dies ist die höchstmögliche Alarmstufe bei einer ansteckenden Krankheit. Sie hat zwar keine klar definierten Konsequenzen, weil jede Notlage eigene Herausforderungen mit sich bringt, doch die WHO sieht darin einen Weckruf, damit die Weltgemeinschaft mehr tut - indem sie nicht zuletzt Spezialisten und Geld zur Verfügung stellt.

Aufklärungsarbeit nötig

Viele Helfer fordern nun ein Umdenken. Es sei unterschätzt worden, wie wichtig die aktive Beteiligung der Bevölkerung ist, meint Bachmann. Er spricht sich etwa für mehr kleinere Transitzentren aus, damit es für Menschen leichter ist, sich auf Ebola testen zu lassen.

Diemon von der Welthungerhilfe plädiert außerdem für mehr Aufklärungsarbeit. Er und sein Team gehen beispielsweise in Schulen, um Kinder und Jugendliche über die Seuche zu informieren. Wemba Kambale Kikopo, ein 37-jähriger Ebola-Überlebender, der sich heute an der Aufklärungsarbeit beteiligt, sagt: "Die Menschen müssen wissen, dass die Krankheit existiert und töten kann." (apa, dpa)