Brasilia. Brasilien brennt. Im südlichen Amazonasbecken toben schon seit Wochen riesige Feuer. Sie sind größer als alles, was in den vergangenen Jahren zu erleben war. Das brasilianische Weltrauminstitut Inpe hat heuer bereits 72.000 Brände gezählt - das ist eine Zunahme um 82 Prozent im Vergleich zu 2018. Die Hälfte der Feuer brennt in der Amazonasregion, 30 Prozent im angrenzenden und ebenso wichtigen Ökosystem des Cerrado.

Eine Ursache für den Ausbruch der Flammen ist die ungewöhnlich lange und heiße Trockenperiode. Ein wichtigerer Grund dürfte laut Experten aber Brandstiftung sein. Bauern, Viehzüchter und Landspekulanten legen Feuer, um ihre Flächen auf illegale Weise auszuweiten.

Obwohl es schon seit mehreren Wochen brennt, gelangte das erst jetzt ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Rauchschwaden verdunkelten zu Wochenbeginn den Himmel über der Millionenstadt Sao Paulo. Sie waren auf einer Route gewandert, auf der sonst Regenwolken aus dem Amazonasbecken heranziehen und abregnen. Dieses Phänomen heißt "Fluss der Lüfte" und ist enorm wichtig für die Wasserversorgung des bevölkerungsreichen brasilianischen Südostens und dessen Landwirtschaft. Allerdings hat die Intensität des Wolkenzugs in den vergangenen Jahren abgenommen, weil die Entwaldung des Amazonasbeckens die Wolkenbildung verhindert. Auch der Südosten Brasiliens leidet deswegen verstärkt unter Trockenheit. Nun kam statt Regenwasser der Rauch der Brandrodungen.

Rodungen vervielfacht

Brasiliens Regierung ignorierte die Feuer bisher. Es ist bekannt, dass Präsident Jair Bolsonaro den Umweltschutz für "eine Sache von Veganern" hält, "die nur Grünzeug essen". Umweltschutzorganisationen beschimpft er als "Agenten ausländischer Mächte", die es auf Brasiliens Bodenschätze abgesehen hätten. Ohne Beweise vorzulegen, warf Bolsonaro nun sogar Nichtregierungsorganisationen vor, die Feuer zu legen. Damit würden die NGOs ihn in Misskredit bringen wollen, nachdem ihnen staatliche Förderungen gestrichen worden waren.

Der Rauch über Sao Paulo ist das vorläufig letzte Alarmsignal für die schleichende Katastrophe, die sich derzeit im Amazonasbecken vollzieht. Die Geschwindigkeit der Abholzung hat sich heuer drastisch erhöht, die Rodungen haben sich im Vergleich zu 2018 vervielfacht. Dabei galt das Vorjahr bereits als das schlimmste Jahr für den Amazonaswald in einer Dekade. Laut Schätzungen wird derzeit im Schnitt pro Minute Urwald von der Größe dreier Fußballfelder vernichtet. Die Feuer sind in dieser Rechnung nicht berücksichtigt.

Klimasünder USA und Europa

Vor allem in Europa ist die Aufregung groß über den Kahlschlag im Dschungel, der in Bolsonaros Amtszeit zugenommen hat. Die Klimadiskussion, aber auch die aggressive Rhetorik des Präsidenten haben den Blick auf Brasilien gelenkt. Wegen der kompromisslosen Haltung Bolsonaros hat Deutschland bereits Finanzmittel gestrichen beziehungsweise auf Eis gelegt, die für Waldschutzprojekte in Brasilien vorgesehen waren. Norwegen, das sich dort auch stark engagierte, zog nach.

Doch bei aller Aufregung über Brasilien hinaus: Die mit Abstand größten Klimasünder des Planeten sind die USA, China und Europa. Brasilien hingegen war bis vor kurzem noch ein Klimachampion. Das Land reduzierte zwischen 2004 und 2012 die Rodungen im Amazonaswald um ein Sechstel, weil es Umweltschutzgesetze strikter durchsetzte. Es führte dazu, dass gigantische Mengen an CO2 zusätzlich gebunden wurden. Zwei Drittel seines Stroms gewinnt das Land außerdem aus Wasserkraft.

Auch was den Autoverkehr angeht, steht Brasilien nicht schlecht da: 65 Prozent der 43 Millionen Autos auf Brasiliens Straßen fahren mit Flexfuel-Motoren, tanken sowohl Ethanol wie Benzin. Zehn Prozent der Fahrzeuge werden mit Erdgas angetrieben.

Hinzufügen ließe sich ein Vergleich des Pro-Kopf-Ausstoßes von Klimagasen: 2017 war ein durchschnittlicher US-Amerikaner für die Emission von 15,74 Tonnen an Klimagasen verantwortlich. In China lag der Schnitt bei fast acht Tonnen. Und in Brasilien bei 2,35 Tonnen.

Aus diesen Gründen hätte Brasilien mit einem anderen Präsidenten als Bolsonaro die Klimaziele für 2025 erreichen können, zu denen es sich im Pariser Klimavertrag 2015 verpflichtet hatte. Dies steht nun auf dem Spiel.