Melbourne/Vatikanstadt. Kardinal George Pell bleibt noch mindestens drei Jahre im Gefängnis. Der ehemalige Finanzchef des Vatikan wurde wegen Missbrauchs von zwei minderjährigen Chorknaben verurteilt - nun lehnte der Oberste Gerichtshof in Melbourne seinen Berufungsantrag ab. Damit ist das Urteil in erster Instanz vom März bestätigt, auf dessen Grundlage der 78-Jährige frühestens im Jahr 2022 aus der Haft entlassen werden soll.

"Er wird seine sechsjährige Haftstrafe weiter absitzen", sagte Richterin Anne Ferguson. Ein Geschworenengericht hatte den australischen Kardinal im Dezember schuldig gesprochen, sich Mitte der 1990er Jahre in der Kathedrale von Melbourne an zwei 13-jährigen Chorknaben vergangen zu haben. Der damalige Erzbischof von Melbourne soll sich 1996 in der Sakristei vor den Buben entblößt, sie unsittlich berührt und einen von ihnen zum Oralsex gezwungen haben. Im folgenden Jahr soll er sich erneut an einem der Buben vergangen haben.

Pell war ab 1987 Weihbischof und ab 1996 Erzbischof von Melbourne. 2001 wurde er Erzbischof von Sydney. 2014 wechselte er als Leiter des damals neu gegründeten vatikanischen Wirtschaftssekretariates nach Rom. Er galt lange Zeit als einer der mächtigsten Männer im Vatikan - und als Vertrauter von Papst Franziskus.

Pell ist der ranghöchste katholische Geistliche weltweit, der wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde. Er hat die Vorwürfe gegen sich stets entschieden zurückgewiesen und Berufung gegen seine Verurteilung eingelegt. Im Berufungsverfahren Anfang Juni argumentierten seine Anwälte, der Geistliche hätte wegen der dünnen Beweislage nicht schuldig gesprochen werden dürfen.

Die Verurteilung basierte überwiegend auf der Aussage eines der mutmaßlichen Missbrauchsopfer. Das zweite mutmaßliche Opfer war 2014 an einer Überdosis gestorben und hatte sich nie zu den Vorfällen geäußert. Die Richter in Melbourne urteilten nun aber mit einer Mehrheit von zwei zu eins Stimmen, dass der Zeuge als äußert glaubwürdig einzustufen sei. Er sei kein "Lügner" oder "Fantast". Pells Anwälte hatten auch angebliche Verfahrensfehler angeführt. Diese Anträge wurden von den drei Richtern einstimmig zurückgewiesen.

Das Urteil nahm Pell ohne große Regung auf. In einer schriftlichen Stellungnahme ließ der Kardinal dann erklären, er sei "offensichtlich enttäuscht". Zugleich beteuerte er seine Unschuld. Seine Anwälte wollen prüfen, ob sie vor Australiens High Court ziehen. Auf das letztinstanzliche Urteil will auch der Vatikan nach eigenen Angaben warten.

Vorermittlungen gegen
ältesten Bischof der Welt

Der Fall Pell hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Die katholische Kirche ist in einer Reihe von Ländern wegen Kindesmissbrauchs durch Priester und andere Geistliche in die Kritik geraten.

So wird auch in Chile in dutzenden Fällen ermittelt. Nun hat der Vatikan gegen den ehemaligen Vorsitzenden der Chilenischen Bischofskonferenz Vorermittlungen eingeleitet.

Alterzbischof Bernardino Pinera Carvallo wird sexueller Missbrauch an einem Minderjährigen zur Last gelegt, wie die Päpstliche Nuntiatur laut Kathpress in Santiago de Chile mitteilte. Der Vorfall liegt rund 50 Jahre zurück. Die Ermittler stünden in Kontakt mit dem mutmaßlichen Opfer, das die Vorwürfe vorgebracht hat, gleichzeitig handle man unter Beachtung des Grundsatzes der Unschuldsvermutung, heißt es in der Erklärung der Nuntiatur.

Der 103 Jahre alte emeritierte Erzbischof von La Serena ist ältester katholischer Bischof weltweit und zugleich ein Onkel des amtierenden chilenischen Staatspräsidenten Sebastian Pinera. Er kündigte seine volle Bereitschaft zur Klärung der Vorwürfe an.