Nach mehr als 50 Jahren Bürgerkrieg sollte es in Kolumbien endlich Frieden geben. Linke Guerilla, Militär und Paramilitärs bekämpften sich in dem Konflikt, bis zu 260.000 Menschen verloren ihr Leben. Nach Afghanistan ist Kolumbien das Land mit den meisten Landminenopfern. Hier gibt es auch die höchste Zahl an Binnenvertriebenen: rund 6,9 Millionen.

Der Friedensvertrag, den der rechtsliberale Präsident Juan Manuel Santos 2016 mit der seit 1964 aktiven größten Guerilla-Truppe Farc (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) ausgehandelt hatte, brachte Santos sogar den Friedensnobelpreis ein. Doch die Bevölkerung lehnte die erste Version in einem Referendum ab. Der nachgebesserte Vertrag wurde ihr gar nicht erst vorgelegt, Kongress und Abgeordnetenhaus nahmen ihn Ende Dezember 2016 an. Der rechtskonservative Ex-Präsident Álvaro Uribe machte mit seiner Partei dagegen Stimmung. Als 2018 Uribes Ziehsohn Iván Duque zum Präsidenten Kolumbiens gewählt wurde, versprach er, den Friedensvertrag aufzuweichen.

Aaron Tauss ist seit 2013 Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universidad Nacional de Colombia. Sein Schwerpunkt ist die politische Ökonomie Lateinamerikas mit Fokus auf Kolumbien.Tauss war auf Einladung der Forschungsgruppe Lateinamerika in Wien. Walther
Aaron Tauss ist seit 2013 Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universidad Nacional de Colombia. Sein Schwerpunkt ist die politische Ökonomie Lateinamerikas mit Fokus auf Kolumbien.Tauss war auf Einladung der Forschungsgruppe Lateinamerika in Wien. Walther

Die Eckpunkte der Vereinbarung: Ein Sondertribunal soll die Kriegsverbrechen aufklären, die Farc darf als politische Partei antreten und hat in den nächsten zwei Wahlperioden garantiert mindestens fünf Sitze in Senat und Abgeordnetenhaus. Zudem sollen die Sicherheitskräfte die ehemaligen Farc-Rebellen beschützen.

Versprochen wurde auch eine moderate Landreform. Die massive Konzentration des Landbesitzes bei Großgrundbesitzern war zentraler Auslöser des Konflikts gewesen.

Graffito mit der Farc-Ikone Simón Trinidad und dem südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar im Rebellenlager von Icononzo. - © afp/Munoz
Graffito mit der Farc-Ikone Simón Trinidad und dem südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar im Rebellenlager von Icononzo. - © afp/Munoz

Die "Wiener Zeitung" sprach mit Aaron Tauss über das Stocken und Rückabwickeln des Friedensprozesses. Der Österreicher, der seit 2013 im kolumbianischen Medellín an der Nationaluniversität Politik unterrichtet, hat zahlreiche Publikationen zu dem Thema verfasst.

"Wiener Zeitung":Als Iván Duque, im Sommer 2018 Präsident Kolumbiens wurde, haben viele befürchtet, dass der Friedensvertrag mit der Farc ausgehöhlt wird.

Aaron Tauss: Nicht nur das. Der Friedensprozess ist unter der Duque-Regierung grundsätzlich gescheitert. Aufgeweicht wurde er aber schon lange vorher. Was sich seit dem Amtsantritt Duques verstärkt hat, sind die Tendenzen, die Richtung Sabotage gehen. Aber schon die Santos-Regierung hat während der Verhandlungen sehr viele Zugeständnisse an die Konservativen gemacht. Denn die extreme Rechte hat die öffentliche Meinung gelenkt.

Juan Manuel Santos hat das Referendum über den Friedensvertrag im Oktober 2016 verloren. Für viele war das überraschend. Wie ist es so weit gekommen?

Das Referendum hat dem rechten Lager um Uribe eine Steilvorlage geliefert, um Stimmung zu machen. Das war ein Punkt, der im öffentlichen Diskurs lange ignoriert wurde. Auf einmal hat das rechte Lager davor gewarnt, dass Kolumbien mit dem Friedensvertrag der Farc ausgehändigt werde und danach zu einem kommunistischen Staat werden würde. Unter Santos sind also die Weichen gestellt worden, mit denen sich die extreme Rechte politisch so positionieren konnte. Nach dem gewonnenen Referendum konnte sie Duque dann bei den Präsidentschaftswahlen erfolgreich als den stärksten Kandidaten präsentieren.