Inwieweit hängen Gentrifizierung und Prostitution zusammen?

In vielen europäischen Städten gab es Viertel, in denen vorher egal war, was passiert. Dann sind die Mietpreise in die Höhe geschnallt und dann wollte man die Straßen "säubern", von ungewollten Menschen verschiedenster Art. Hier wurden die Verbote ausgeweitet, vor allem bei der Straßenprostitution, weil argumentiert wird, die Frauen auf der
Straße wären damit sicherer. Es arbeiten zwar nur sehr wenige Frauen auf der Straße, die Politik fokussiert aber immer auf die Straßenprostitution und verwendet sie als Argumentation, Sexarbeit zu verbieten oder Freier zu bestrafen.

Wird auch Menschenhandel durch die Politik instrumentalisiert?

Ja. Wenn starke Grenzkontrollen eingeführt werden sollen, ist Menschenhandel ein riesiges Phänomen, wenn Aufenthaltsbewilligungen erteilt werden sollen, ist es plötzlich ein winziges.

In einer Ihrer Studien haben Sie weltweit Freier und Männer zu Menschenhandel und der Nachfrage nach nicht-freiwilliger Sexarbeit interviewt. War es schwierig, mit ihnen darüber zu sprechen?

Bei den Sextouristen war es einfach, weil sie auf Urlaub waren und Männer gerne erzählen. Bei unseren Interviews zur Nachfrage des Menschenhandels im eigenen Land war es schwieriger. In Schweden fiel es den Männern gar nicht auf, dass es diese Probleme gibt. In anderen Ländern ist Sex ein stigmatisiertes Thema, über das man nicht spricht, wie in Indien.

Was ist eigentlich in Indien los, man gewinnt den Eindruck, Vergewaltigung sei dort Teil des Alltags?

In den USA geschehen ebenfalls sehr viele Vergewaltigungen, dort gibt es auch sehr viel häusliche Gewalt. Es ist schwierig, das zu generalisieren, aber wenn wir uns ansehen, was die USA und Indien gemeinsam haben, dann fällt der hohe Grad an Religiosität auf. Aber hier muss man sehr aufpassen, um nicht in Rassismen zu fallen. Natürlich waren die Vorfälle in Indien abscheulich. Aber die ganze Welt ist sexistisch und überall ist Sexismus Teil des Alltags - außer in Ländern, wo es echte Bestrebungen gab, die Teilnahme von Frauen in der Öffentlichkeit zu verbessern, wie in den skandinavischen Ländern.

Medien bezeichnen Menschenhandel oft als "moderne Sklaverei". Sie kritisieren das. Warum?

Das ist ja oft nur eine Argumentation gegen Zuwanderung und für stärkere Grenzkontrollen. Der große Unterschied zu dem transatlantischen Sklavenhandel zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert ist, dass die Menschen in Afrika damals mit ungeheurer Gewalt gezwungen wurden, ihr Land zu verlassen. Diese Menschen wollten nicht nach Amerika, aber heute wollen sie nach Europa. Man sollte sich eher ansehen, welche Gesetze heute verwendet werden, um Migranten außerhalb Europas zu behalten: Irregulären Migranten bei der Einreise zu helfen, ist in Ländern wie Frankreich strafbar. Zur Zeit der Sklaverei wurden Kapitäne bestraft, wenn sie Sklaven auf ihren Schiffen zur Flucht verhalfen. Auch Überwachungssysteme an den Grenzen gab es heute wie damals. Hier sehe ich viel mehr Parallelen als zwischen Menschenhandel und Sklaverei.