Für Lilian Musimbi, 24 Jahre alt, war der erste Besuch des Slum-Theaters eine Offenbarung. Sie war damals schwanger mit ihrem ersten Kind – doch die Gerüchte, die sie über Geburt und Verhütung gehört hatte, verunsicherten sie: "Es hieß, wenn man einmal verhütet, könne man nie wieder schwanger werden, oder dass das Kind dann mit Behinderung zur Welt kommt."

Inzwischen ist ihr Kind gesund auf die Welt gekommen, etwa drei Monate alt, und Musimbi verhütet mit Hormonzäpfchen. Dafür die Zustimmung ihres Mannes zu bekommen "war ein Prozess", sagt sie. In Kenia entscheidet der Mann, ob die Frau verhüten darf, wann der eheliche Beischlaf verrichtet wird, wieviele Ehefrauen und Freundinnen er haben will.

Polygames Patriarchat und Kondom-Phobie

Viele Kenianer leben polygam, mehrere Frauen zu heiraten ist legal. Für Frauen gelten diese Freiheiten nicht: Werden sie beim Fremdgehen erwischt, drohen Vertreibung und Schläge. Problematisch ist auch, dass sich zum polygamen Patriarchat eine Kondom-Phobie gesellt: Viele Männer schleppen HIV in die Familie, stecken ihre Frauen und Kinder an. Ein Drittel aller neuen HIV-Infektionen betrifft Kinder, und es gibt immer mehr Aids-Waise: Laut Unicef haben sich die Todesfälle infolge von Aids in den vergangenen sechs Jahren verdoppelt.

In die Aids-Behandlung wurde viel Zeit und Geld investiert, doch die Prävention wird vernachlässigt. "Wir sehen steigende Infektionsraten bei Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren", sagt der Arzt Ochieng. Zwar sei Sexualkunde Teil des Lehrplans, doch "die Lehrer trauen sich nicht, das Thema anzusprechen". Mehr als ein Drittel der 15- bis 19-Jährigen hatte bereits Sex, ein Fünftel der Frauen in dieser Altersgruppe sind Teenager-Mütter. Die Hälfte der Jugendlichen weiß nicht ausreichend über HIV und AIDS Bescheid, heißt es in einem Bericht des "African Population and Health Research Center" (2017).

Ein Dutzend Frauen sitzt in einem Raum im Gesundheitszentrum der NGO Care in Kisumu. Sie sind HIV-positiv, als "Mentor-Mütter" beraten sie andere infizierte Mütter. Susan Okode, 37, hat drei Kinder, alle sind HIV-negativ. Auch ihr Jüngstes, das sie bekam, als sie bereits infiziert war. Medikamente verhinderten, dass sich der Virus beim Stillen auf ihr Baby übertrug. Das Ziel der Mentor-Mütter ist, dass jedes Kind, das auf die Welt kommt, HIV-negativ ist.

Die drei Buchstaben "HIV" nimmt hier niemand in den Mund, alle sprechen nur "vom Status". Eine Abkürzung oder ein Codewort? Wahrscheinlich beides. Obwohl fast 20 Prozent der Menschen in der Region mit HIV infiziert sind, wiegt das Stigma schwer: "Zuerst muss man sich testen lassen, im zweiten Schritt den Status akzeptieren", sagt Elisabeth Selina. Die Mentor-Mutter hat als Freiwillige in drei Jahren 500 Frauen beraten.