Alexander Agapow ist bezüglich echter Verbesserungen skeptisch. - © Simone Brunner
Alexander Agapow ist bezüglich echter Verbesserungen skeptisch. - © Simone Brunner

Moskau. In Moskau gibt es wenige Orte, an denen man über alles sprechen kann, sagt Aljona. Aber das "Haus der Vielfalt", ein Gassenlokal an einer abschüssigen Gasse im Moskauer Stadtzentrum, gehört für sie zweifellos dazu. In einem hellen Raum ist Kunstrasen ausgerollt, sechs Sitzreihen sind vor einer Bühne aufgestellt. Einzelne Gäste fläzen sich auf Sitzsäcken in Fußball-Optik. "Hier gibt es kein Tabu", sagt die 38-jährige Aljona. Eine kleine "Oase der Freiheit", so nennt sie das. Hier hat das sogenannte "Diversity House", eine Initiative des Antirassismus-Netzwerkes Fare (Football Against Racism in Europe), sein Lager aufgeschlagen. Während der Fußball-WM finden hier Veranstaltungen der Russian LGBT Sport Federation statt. Es gibt Diskussionen, Übertragungen der WM-Spiele, Fantreffen und Filmabende. Wie heute, als der Dokumentarfilm "Free to be me" (zu Deutsch: "Die Freiheit, ich selbst zu sein") über Jason Ball, den ersten offen schwulen Profi-Fußballer Australiens, gezeigt wird. Neben der Bühne prangt ein großes Bild des schwulen deutschen Ex-Fußballers Thomas Hitzlsperger. "Nein zu Diskriminierung, ja zur Gleichheit!" steht auf einem Bild. Die Atmosphäre ist entspannt, es wird Englisch, Niederländisch und Russisch gesprochen.

Aljona ist fast jeden Tag hier. Die Frau mit den langen, braunen Haaren und dem freundlichen Lächeln schiebt in den Morgenstunden in einem Moskauer Büro als Buchhalterin Dienst, damit sie am Nachmittag so früh wie möglich hierher kommen kann. Dann übersetzt sie, verschiebt Stuhlreihen oder unterhält sich einfach mit den Besuchern. Aljona ist LGBT-Aktivistin und sportbegeistert. Wie viele andere will sie aber nicht, dass ihr Nachname in der Zeitung steht. Aus Angst, dass ihre Familie oder ihre Arbeitskollegen davon erfahren könnten.

Das ist freilich kein Wunder: Die LGBT-Community hat es alles andere als leicht in Russland. Homosexualität wurde in Russland zwar 1993 legalisiert, doch vor fünf Jahren hat die russische Duma ein Gesetz verabschiedet, das "Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen" gegenüber Kindern und Minderjährigen unter Strafe stellt. Für Entsetzen sorgten derweil zuletzt die Berichte aus Tschetschenien, wo Schwule gefoltert worden sein sollen. In Tschetschenien gäbe es schlichtweg keine Homosexualität, behauptete Präsident Ramsan Kadyrow in einem BBC-Interview. "Bei uns ist ein Mann noch ein Mann, eine Frau noch eine Frau und ein Tier ein Tier."