Der Atheismus erlebt
einen regelrechten Boom


"Anfangs habe auch ich die Gesellschaft für die Einschränkung der Frauen verantwortlich gemacht. Jetzt denke ich anders. Wir selbst haben es in der Hand, das zu ändern." Der Irak sei anders als Saudi-Arabien, das Gesetz sei mit den Frauen. Nirgends stehe geschrieben, dass Frauen nicht Rad fahren dürften. "Wir müssen unsere Rechte nur einfordern."

Als sich Marina auf ihr Fahrrad schwang, gab es Streit in der Familie. Vater und Bruder reden seitdem nicht mehr mit ihr, die Mutter unterstützt sie. Ihr Verlobter hat ihr ein zweites Fahrrad geschenkt und bestärkt sie in ihrer Aktion. So prallen Tradition und Moderne im engsten Familienkreis aufeinander.

Marina ist derzeit kein Einzelfall im Irak. Das Land ist im Umbruch. Vor allem junge Iraker unter 25, die die Mehrheit der 33 Millionen Einwohner des Landes ausmachen, befördern eine gewisse Aufbruchstimmung, seitdem der IS weitgehend vertrieben ist. Im dreijährigen Kampf gegen die Terrormiliz haben viele junge Soldaten und Milizionäre ihr Leben gelassen, in einem Kampf, der im Namen der Religion geführt wurde. Dem sunnitisch-extremistischen IS stand die schiitisch-fundamentalistische Volksbefreiungsfront Hashd al-Shabi gegenüber, die von Großajatollah Ali al-Sistani ursprünglich zur Verteidigung von Iraks schiitischen Heiligtümern gegen die sunnitischen "Barbaren" ins Leben gerufen wurde. Als Reaktion auf die blutigen Jahre wenden sich nun immer mehr junge Iraker von der Religion ab. Es habe noch nie so viele Atheisten im Land gegeben wie zurzeit, hört man in den Universitäten landauf, landab.

"Ich habe gelernt, dass ich die Gesellschaft bin", sagt Marina kämpferisch, "einer muss anfangen." Die Künstlerinitiative "Tarkib" setzt sich aus Leuten zusammen, die die Gesellschaft durch Kunst verändern wollen. "Das ist die sanfteste Art und Weise." Andere würden zu radikaleren Methoden greifen.

Keine Jobs, miserabe Infrastruktur


Derzeit gibt es Massendemonstrationen von zumeist jungen Leuten im Süden des Landes und auch in Bagdad, bei denen die politische Elite hart angegangen wird. Während die jungen Leute gegen den IS kämpften, hätten sich die Politiker die Taschen vollgestopft, hört man in Sprechchören der Protestler. Öffentliche Dienste, Strom und Wasser seien in einem miserablen Zustand, für junge Leute gebe es keine Arbeit. Nach dem Sieg über den IS sollen die Milizen großteils aufgelöst werden. Wovon ihre Mitglieder nun leben sollen, ist die große Frage. Gleichwohl ist der Irak der zweitgrößte Ölproduzent der Welt. Täglich werden zwischen Euphrat und Tigris mehr als vier Millionen Fass gepumpt. Da fragen sich nun viele, wo das Geld bleibt.

Elf Tote und hunderte Verletzte haben die Proteste bereits gefordert, doch die Wut auf das politische Establishment ist dadurch nur noch größer geworden. Während der Norden Iraks durch den Krieg gegen die sunnitischen Dschihadisten zumeist in Trümmern liegt und nur langsam wieder aufgebaut wird, gehen die Menschen in den schiitisch dominierten Provinzen des Südens auf die Straße. Sie demonstrieren gegen eine schiitisch geprägte Regierung in Bagdad, die es in all den Jahren seit dem Sturz Saddam Husseins nicht vermochte, den Alltag der Bewohner zu verbessern. "Saddam hat unsere Elterngeneration gegenüber dem Staat schwach gemacht", kommentiert Marina die Situation, "die Jugend heute ist stärker." Kunst, Kultur und Sport könnten die Wunden heilen, die mit den Jahren entstanden seien.

Ihr nächster Auftritt wird in einem Fußballstadion sein, wo weibliche Zuschauer unterrepräsentiert sind, weil es sich für Frauen nicht geziemt, dorthin zu gehen. In der südlichen Hafenstadt Basra findet im Herbst ein internationales Fußball-Großereignis statt, das erste im Irak seit 1990. Marine überlegt bereits, sich das Match anzusehen.