San Salvador. Der Tatort hat sich kaum verändert. Da sind die Fliesen aus braunem Marmor, über die das Blut Oscar Romeros floss. Da ist der Altar, an dem er im Frühjahr 1980 die Messe zelebrierte, als ein Schuss in der kleinen Kirche fiel. Die Kugel traf den Erzbischof von San Salvador direkt ins Herz - und ein Land in der Seele.

38 Jahre später sitzen ein paar Gläubige auf den Bänken des modernen Kirchenbaus, fünf Nonnen knien betend vor dem Altar. Seit dem Mord ist es auch ein Ort des Gedenkens an Romero geworden, den der Papst diesen Sonntag heiligsprechen wird. Als ersten Salvadorianer überhaupt. Romeros Kanonisierung ist daher ein großes Ereignis für El Salvador, eines der ärmsten und auch katholischsten Länder Lateinamerikas. So gut wie nie blickt die Welt hierher. Auch Touristen kommen keine. Ein Grund: San Salvador weist eine der höchsten Mordraten der Welt auf, kriminelle Banden beherrschen ganze Stadtviertel.

Kardinal Gregorio Rosa Chávez ist Weihbischof in San Salvador.
Kardinal Gregorio Rosa Chávez ist Weihbischof in San Salvador.

Nun sind viele Salvadorianer stolz auf "ihren" Heiligen. Gleichzeitig werden Erinnerungen an eine schmerzhafte Epoche wach. Denn die Kugel, die Romero tötete, galt einem Mann, der sich unermüdlich für Frieden durch soziale Gerechtigkeit einsetzte. El Salvador wurde damals von einem Bürgerkrieg zerrissen, und Romero positionierte sich klar. Er kritisierte die rechte Regierung, die mit Unterstützung der USA Krieg gegen eine linke Guerilla führte. In seinen Predigten ergriff er Partei für die Armen und die Kleinbauern und kritisierte die Elite. Einmal rief Romero: "Es kann so nicht weitergehen. Man muss den Egoismus derjenigen bekämpfen, die nichts von ihrem Reichtum abgeben wollen." Das machte ihn in den Augen der Mächtigen zum Kommunisten.

"Wir hörten, wie sie feierten"


Dem Krieg der verbrannten Erde, in dem die Armee hunderte Kleinbauern ermordete, die sie der Kollaboration mit der Guerilla beschuldigte, fiel schließlich auch Romero zum Opfer. "Oscars Haltung entsprach seiner Herkunft", sagt Kardinal Gregorio Rosa Chávez. Der Weihbischof in San Salvador, der in die Kirche kommt und unter einem Porträt Romeros stehenbleibt, war einst sein engster Freund. "Oscar stammte aus ärmsten Verhältnissen. Er war ein einfacher Mann. Ein Hirte. Für das Volk war er schon zu Lebzeiten ein Heiliger."

Die Liebe des einfachen Volks war das eine, der Hass der konservativen Elite das andere. Bis heute besteht sie aus denselben 14 Familien, die schon damals das Land beherrschten. "Für sie war Romero ein Ärgernis", sagt Chávez. Der Kardinal erinnert sich, wie in den Reichenvierteln San Salvadors die Sektkorken knallten, als das Attentat bekannt wurde: "Wir hörten, wie sie feierten." Bis heute ist Romeros Mörder nicht bekannt. Er wird von mächtigen Kreisen protegiert. Dafür wusste man schon früh, wer der Auftraggeber war: Major Roberto D’Aubuisson, der Sicherheitskräfte befehligte, die als Todesschwadronen operierten. D’Aubuisson bestritt nie, Romeros Ermordung angewiesen zu haben, pflegte aber stets zu sagen: "Das muss man mir erst einmal nachweisen."