Wien. "Kommst du auch noch dran?", fragte der Frisör, während er noch mit einem Kunden beschäftigt war. An und für sich keine ungewöhnliche Frage. Jedoch ging sie an den Autor dieser Zeilen während einer Veranstaltung im Neunerhaus, bei der wohnungs- und obdachlosen Menschen kostenlos vom Verein "Barber Angels" die Haare geschnitten wurden. Die Verwechslung wurde lachend entschuldigt. Sie zeigt, dass man Menschen Wohnungs- oder Obdachlosigkeit nicht mehr so einfach ansehen kann.

Daniela Unterholzer, die den Verein Neunerhaus gemeinsam mit Elisabeth Hammer als Anlauf- und Hilfsstelle für wohnungs- und obdachlose Menschen leitet, betont, dass das Klischee des abgerissenen Obdachlosen auf die meisten ihrer Klienten nicht zutrifft. Umso mehr ärgert es sie, wenn in Debatten mit diesen Bildern gespielt werde. "Hat jemand unsere Hilfe nicht verdient, weil er ein altes Handy besitzt oder sich eine Jeans im Second-Hand-Laden gekauft hat?", fragt sie.

Wohnungslose Menschen haben keinen festen Wohnsitz, können aber beispielsweise noch bei Familie und Freunden unterkommen, erklärt Unterholzer. Dazu zählen auch Frauen, die aus einer Gewaltbeziehung flüchten und temporär in einem Frauenhaus unterkommen. Ohne Hilfe sei es oftmals nur ein kleiner Schritt von der Wohnungs- in die Obdachlosigkeit und damit das Straßenleben, wenn einen niemand auffängt, meint sie.

Hilfe bei der Jobsuche


Sandra (Name geändert Anm.) weiß nur zu gut, wie plötzlich das passieren kann. Nach dem Tod der Mutter und der Trennung von ihrem Lebensgefährten hatte sie keine Bleibe. Ihre Notlage habe sie vor ihren Freunden und der Familie, auch ihren erwachsenen Töchtern, aber verheimlicht. "Ich habe mich geschämt, ich wurde immer als die Starke gesehen", erzählt sie. Ein Freund in Niederösterreich habe ihr Obdach gewährt, er war der Einzige, dem sie sich anvertraute. Den anderen log sie vor, in einer Wohngemeinschaft zu leben. Im Neunerhaus fand sie Hilfe, dort wohnt sie seit März 2017. Sie wird auch bei der Jobsuche unterstützt. Ihr Ziel ist es, bis März 2019 eine eigene Wohnung zu finden und erhalten zu können, dann muss sie ihre jetzige Bleibe verlassen. "Ich bin zuversichtlich, aber der Gedanke hält mich nachts oft wach", sagt sie.

Sandras Schwester Renate musste vor Jahren aus ihrer Wohnung flüchten, als ihr gewalttätiger Vater sich von allein bei ihr einquartierte. Wegschicken konnte sie ihn nicht, die Angst saß noch aus Kindertagen zu tief. "Ich habe lieber auf der Straße gelebt, als mit ihm in einer Wohnung", erinnert sie sich. Mittlerweile wurde ihr vom Verein für Wohnraumbeschaffung eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Renate wird noch von einem Sozialarbeiter betreut, arbeitet aber darauf hin, die Wohnung allein erhalten zu können. Spätestens wenn sie ihren Beruf als selbständige Hausbetreuerin wieder aufnehmen kann, den sie krankheitshalber aufgeben musste, sagt sie.