Christian Laesser ist Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen. - © IMP-HSG
Christian Laesser ist Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen. - © IMP-HSG

"Wiener Zeitung": Der touristische Erfolg einer Destination wird meist an den Nächtigungszahlen gemessen. Was halten Sie davon?

Christian Laesser: Nächtigungszahlen sind uninteressant. Sie sind ein Nachfrageindikator und wenig aussagekräftig. Denn Nächtigungen kann man sich kaufen: Geht man mit den Preisen runter, steigen die Nächtigungen.

Worauf sollte stattdessen geachtet werden?

Zentral ist die Wertschöpfung und deren Verteilung. Im Tourismus haben wir oftmals das Problem, dass ein paar Anbieter die ökonomische Wertschöpfung auf sich konzentrieren. Die große Allgemeinheit ist dagegen bisweilen von den negativen Auswirkungen des Tourismus, etwa den Lärm, die Verschmutzung und die Überfüllung betroffen, ohne dafür kompensiert zu werden.

Dies hängt vor allem damit zusammen, dass der Tourismus ein Phänomen ist, das weitgehend im öffentlichen Raum stattfindet. Tendenziell werden die Gewinne also privatisiert, die Verluste sozialisiert.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir Airbnb (Reise-Vermietungsplattform, Anm.). Wenn ich mit Wohnraum auf Airbnb mehr Rendite als mit herkömmlichen Mieten generieren kann, mag das ökonomisch effizient und sinnvoll sein. Denn mit dem knappen Wohnraum wird pro Quadratmeter Boden mehr Geld lukriert. Doch es folgen Verteilungsprobleme, die Preise für die Allgemeinheit steigen. Dieser Zweitraum für Reisende verdrängt den Erstwohnraum der Menschen, die tatsächlich in der Stadt leben.

Wie könnte nun eine gerechtere Verteilung funktionieren?

Naheliegend ist eine Spezial-Besteuerung ausgewählter touristischer Aktivitäten und die Rückverteilung dieser Einnahmen an alle Einwohner eines Ortes. Die Mittel fließen damit nicht in den allgemeinen Steuerhaushalt und sind deshalb fiskalisch neutral. Zudem steuert die Höhe der Spezial-Steuern das Angebot.

Welche Trends sehen Sie derzeit in der Tourismusindustrie?

Global wird die Nachfrage weiter steigen, weil die Zahl der Menschen, die sich das Reisen leisten können, zunimmt. Solange das Fliegen derart preisgünstig ist, wird sich daran nicht viel ändern. Die Billigfluglinien haben ja nicht nur den etablierten Luftlinien schon vorhandene Marktanteile weggenommen, sie haben auch komplett neue Märkte eröffnet.