Wien. (apa/red) Am Wiener Straflandesgericht hat am Montag ein Prozess gegen eine mutmaßliche Drogenbande begonnen. Sie soll seit 2016 in Wien und Niederösterreich mindestens elf Cannabis-Plantagen betrieben haben. Laut Anklage wurde dabei eine Ernte von mehr als einer halben Tonne Marihuana eingefahren. Die hierarchisch strukturierte Gruppe soll das Suchtgift in Ostösterreich verkauft haben.

21 Personen haben sich in den kommenden Wochen - die Verhandlung ist bis zum 18. Februar anberaumt - im Großen Schwurgerichtssaal als Angeklagte zu verantworten. Die mutmaßliche kriminelle Vereinigung hatte bzw. hat ihren Sitz in Serbien, wo die Strippenzieher die Fäden zogen.

Den Angeklagten auf die Spur kam das heimische Bundeskriminalamt dank Hinweisen serbischer Kollegen. Umfangreiche Ermittlungen samt Observationen, Telefon- und Videoüberwachungen und Rufdaten-Rückerfassungen folgten. Am 25. Mai 2018 wurden anschließend in einer groß angelegten Aktion in Wien und in mehreren Ortschaften in Niederösterreich zahlreiche Hausdurchsuchungen und Festnahmen durchgeführt.

Chef des Wiener Bandenzweigs soll ein 32-jähriger Serbe gewesen sein. Er hielt laut Anklage steten Kontakt zu den Hintermännern in Serbien. Der Mann soll die Plantagen in Österreich kontrolliert, den Verkauf des Marihuanas organisiert und die Einnahmen kassiert haben. In der Wiener Wohnung des offiziell als beschäftigungslos Gemeldeten wurden bei seiner Festnahme 13.600 Euro Bargeld und eine teure Rolex-Uhr sichergestellt.

"Er ist in das Geschehen
hineingeraten"

Der Mann bekannte sich vor einem Schöffensenat (Vorsitz: Johannes Varga) in einem geringen Umfang schuldig. "Er ist erst Ende 2017, Anfang 2018 in das Geschehen hineingeraten", erklärte sein Verteidiger Christian Werner. Bei zwei Plantagen - einer in Gerasdorf, einer in der Esslinger Hauptstraße in Donaustadt - habe er seine Hände im Spiel gehabt: "Mit allen anderen hat er nichts zu tun." Selbst die 70 Kilogramm Marihuana, die er damit laut Anklage zu verantworten hätte, wären aber weit zu hoch gegriffen, betonte Werner: "Das Beweisverfahren wird ergeben, dass die Mengen drastisch zu reduzieren sind."

Die inkriminierte Menge von rund 580 Kilogramm beruhe auf "Hochrechnungen", wobei die Ermittler davon ausgegangen seien, dass ein Steckling 30 bis 40 Gramm abwirft. Das sei größenordnungsmäßig unhaltbar. Außerdem hätten Polizei und Staatsanwaltschaft eines nicht berücksichtigt: "Der wirkliche Feind des Hanfbauern ist die gemeine Blattlaus." Immer wieder habe es schädlingsbedingte Ernteausfälle gegeben, meinte Werner.

Verteidiger Philipp Wolm, der in dem Verfahren drei Angeklagte vertritt, brachte eingangs der Verhandlung die Ergebnisse eines von ihm eingeholten Gutachtens der Universität für Bodenkultur vor. Demnach ist bei einem Steckling, der unter den Bedingungen einer Indoor-Plantage aufgezogen wird, mit einer Erntemenge von 15 bis 20 Gramm zu rechnen. Die Anklage sei damit eindeutig zu hoch gegriffen, merkte Wolm an.

Wie Staatsanwalt Florian Kranz darlegte, hatte die Organisation mit gefälschten Ausweisen Häuser angemietet, die in weiterer Folge in großem Stil umgebaut wurden. Zwischenwände wurden eingerissen, Stromleitungen neu verlegt, Bewässerungssysteme installiert und Bedingungen geschaffen, die dem Gedeihen von Cannabis-Pflanzen dienlich waren, so der Staatsanwalt.

Für jede Plantage wurden laut Anklage Gärtner an- und abgestellt, die gut bezahlt wurden. Sie sollen monatlich 3000 Euro lukriert haben. Wenn die Zeit reif war, kamen eigene Erntehelfer zum Einsatz. Zudem gab es auch Elektriker, die sich um die Indoor-Cannabis-Plantagen zu kümmern hatten.

DNA-Spuren wegen Affäre
auf der Zahnbürste

Mitangeklagt sind in dem Verfahren auch zwei Frauen, wobei eine davon jede Tatbeteiligung leugnet. Wie ihr Rechtsvertreter erläuterte, habe "die Angeklagte um acht Euro die Stunde Toiletten geputzt. Glauben Sie wirklich, sie hätte diesen Job gemacht, wenn sie bei einer Mafia-Bande ist?" Die Frau habe lediglich mit einem Angeklagten eine außereheliche Affäre gehabt, deshalb habe man ihre DNA-Spur auf einer in einer Plantage beschlagnahmten Zahnbürste gefunden.

Auch die zweite Angeklagte behauptete, sie wäre nur der Liebe wegen in einer Plantage gelandet. Dort habe sie für ihren Partner geputzt und gekocht, das Marihuana aber nicht angerührt.