Barcelona/Wien. Die Angst steckt tief in den Knochen, seit dem Tod des Neunjährigen, der im Jänner in Wien von einem Lkw überfahren wurde. Untertags. Auf dem Zebrastreifen. Bei grüner Ampel für den Buben. Für Eltern, deren Kinder allein zur Schule gehen, ist nichts mehr, wie es war. Mit mulmigem Gefühl winken sie ihrem Spross hinterher, wissend, dass es auch ihn treffen kann. Es sind nicht nur Schulkinder, die Opfer schwerer Unfälle mit Lkw und Pkw wurden. Im Jahr 2017 passierten rund 5400 Unfälle im Wiener Straßenverkehr. Knapp 6700 Menschen wurden verletzt. 20 starben, mehr als die Hälfte davon waren Fußgänger.

Wiens Straßen sind heute nicht gefährlicher, als noch vor ein paar Jahren. Doch die Hierarchie hat sich geändert. Haben sich die Wiener jahrelang dem Auto untergeordnet, so erobern sie nun die Straße Stück für Stück zurück. Wenn es grün ist, dann gehen sie über die Ampel, lassen nicht mehr dem einbiegenden Auto die Vorfahrt. Die neue Hierarchie ist klar: zuerst der Fußgänger, dann das Auto. Zuerst der Mensch, dann die Maschine. So leben es immer mehr Erwachsene, so lehren sie es ihren Kindern.

Autos sind höchstens zu Gast

Menschen schlendern im Stadtviertel Gracia entlang der Fahrbahn.  - © Bernd Vasari
Menschen schlendern im Stadtviertel Gracia entlang der Fahrbahn.  - © Bernd Vasari

Die Politik unterstützt diesen Trend, wenn auch sehr zaghaft. Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) betont den Ausbau von Tempo-30-Zonen und einer Handvoll Begegnungszonen in ihrer neunjährigen Amtszeit. Doch reicht das? Die Tempozonen haben die Angst der Eltern nicht gelindert. In Barcelona geht die Stadtverwaltung einen Schritt weiter. In sogenannten Superilles (deutsch: Superblocks) sind Autos höchstens noch zu Gast. Ein Verkehrskonzept für Wien? Die "Wiener Zeitung" hat sich umgesehen.

In El Poblenou dienen Autoreifen zur Abgrenzung der öffentlichen Flächen.  - © Urban Ecology Agency of Barcelona (BCNecologia)
In El Poblenou dienen Autoreifen zur Abgrenzung der öffentlichen Flächen.  - © Urban Ecology Agency of Barcelona (BCNecologia)

Breite runde Blumentöpfe stehen dort, wo früher Autos fuhren. Menschen schlendern entlang der ehemaligen Fahrbahn. Stühle an den Seiten sind in Richtung Straßenmitte postiert. Eine dreiköpfige Combo spielt den Beatles-Klassiker "All my Loving". Eine Gruppe von Menschen sieht ihnen zu. Sie wippen im Takt, in der Hand ein Stück Pizza, ein Sandwich, eine kleine Mahlzeit, die sie in einem der vielen kleinen Imbissläden gekauft haben. Es gibt in Superilles auch Straßen, die für Autos geöffnet sind. Sie fahren in Schrittgeschwindigkeit. Erlaubt sind maximal 10 km/h.

Eine Band spielt den Beatles-Klassiker "All my loving".  - © Bernd Vasari
Eine Band spielt den Beatles-Klassiker "All my loving".  - © Bernd Vasari

Hohe Feinstaubbelastung, Stickoxidemissionen in Rekordhöhe und Unfälle zwangen die Stadtregierung der Metropole am Mittelmeer zum Umdenken. Mit dem neuen Konzept will die Stadt den Autoverkehr um 20 Prozent reduzieren. Getestet wird in den Stadtvierteln El Poblenou, Sant Antoni, Les Corts, El Born und Gracia. Ein Superilla umfasst neun Häuserblocks. Motorisierter Verkehr, darunter auch Linienbusse, wird um die Blocks geleitet. Ein Durchfahren ist nicht mehr möglich. Einsatzfahrzeuge, Lieferservice, Müllabfuhr dürfen aber in allen Straßen fahren.

Stühle an den Seiten sind in Richtung Fahrbahnmitte postiert.  - © Bernd Vasari
Stühle an den Seiten sind in Richtung Fahrbahnmitte postiert.  - © Bernd Vasari