Wien. Die Weibchen seien in diesem Fall "die Bösen", sagt der Dermatologe Johannes Neuhofer, Fachgruppenobmann für Haut- und Geschlechtskrankheiten in der Österreichischen Ärztekammer: Die Rede ist von der Grab- oder Krätzemilbe. Die 0,2 bis 0,5 Millimeter großen Milbenweibchen graben winzigkleine Kanäle in die Hornschicht der Oberhaut - meistens, wo diese besonders zart ist wie im Achsel- oder Genitalbereich oder zwischen den Fingern - und legen darin ihre Eier ab. Die Tiere schlüpfen, sind nach zwei bis drei Wochen selbst geschlechtsreif - und der Befall nimmt seinen Lauf.

Die Krätze, auch Scabies genannt, ist eine klassische Seuche in Kriegsgebieten. Während des Zweiten Weltkriegs war sie auch in Österreich weit verbreitet. Denn sie grassiert dort, wo viele Menschen meist unter weniger guten hygienischen Bedingungen zusammenkommen. Ganz verschwunden war sie nie, aber nun ist sie hierzulande erneut auf dem Vormarsch. Ausgehend zum Beispiel von Flüchtlingsheimen, Wohn- und Jugendheimen oder Gemeinschaftswohnungen breite sie sich massiv aus, "fast schon epidemisch", sagt Neuhofer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Anzahl der Fälle habe exponentiell zugenommen. In seiner Ordination in Linz kämen nahezu täglich neue, manchmal fünf bis sechs Fälle dazu.

Die Krätzemilbe legt ihre Eier in Bohrkanälen ab. - © HGW/Michael Beck
Die Krätzemilbe legt ihre Eier in Bohrkanälen ab. - © HGW/Michael Beck

Informationsplakate in Wien

Alle Bundesländer seien bereits betroffen. In Salzburg seien sogar mehrere Hotels befallen, sagt Neuhofer. Der St. Pöltner Apotheker Andreas Gentzsch kam anhand der Verschreibungen aufgrund von Scabies in allen zwölf St. Pöltner Apotheken zu dem Schluss, dass jeder 36. St. Pöltner Scabies habe, sagte er gegenüber "ORF NÖ". Und auch in Wiener Apotheken komme es vermehrt zu Verschreibungen, sagt Elisabeth Ort von der Österreichischen Apothekerkammer auf Nachfrage. Zahlreiche Wiener Dermatologen haben bereits Informationsplakate ausgehängt, wie man Krätze erkennt, wie man sie behandelt und welche hygienischen Maßnahmen notwendig sind, um sie einzudämmen. Meldepflichtig ist die parasitäre Hautkrankheit jedoch nicht.

Ein typisches Symptom ist laut Neuhofer episodischer Juckreiz, und die Bohrgänge zeichnen sich mitunter als beistrichartige Rötungen der Haut ab. Dennoch sei es nicht immer ganz so einfach, Krätze zu erkennen - vor allem nicht bei der sogenannten gepflegten Scabies. "Das bedeutet, dass, wenn man sich intensiv wäscht, man die sichtbaren Symptome damit kaschieren kann", sagt Neuhofer.

Ist man einmal befallen, gebe es zwar Therapien, die Ausbreitung sei dennoch schwierig in den Griff zu bekommen. Denn trächtige Weibchen können in das Bettzeug, in Sofas oder Kleidungsstücke kriechen und von dort auf weitere Mitbewohner oder Familienmitglieder. "Früher hat man geglaubt, ein Weibchen ist innerhalb von 48 Stunden tot. Heute wissen wir aber, dass es bis zu einer Woche lang überleben kann", sagt Neuhofer. Daher müsse im Zuge der Therapie alles gewaschen werden, und sämtliche Mitbewohner sollten sich ebenfalls behandeln lassen.