Wien. "Das Apollo steht seit Anbeginn am selben Fleck, doch was für eine Geschichte das Haus auf dem Buckel trägt, würde man nicht vermuten", erzählt Robert Kaldy-Karo, der Leiter des Wiener Circus- und Clownmuseums. Im Jahr 1904 eröffneten Apollo-Theater waren sie alle zu sehen: neben Mata Hari und Charlie Chaplin auch Skandaltänzerin Anita Berber, der mysteriöse Trickkünstler Erik Jan Hanussen und die legendären Tiller-Girls.

Das bis zu 2000 Zuschauer fassende Theater wurde von Beginn an von Ben Tieber geleitet. "Fast hatte es den Anschein, als ob die Inbetriebnahme des ‚Apollo‘-Theaters unter keinem besonders guten Stern stünde", schrieb der Apollo-Geschäftsführer Josef Zak in der hauseigenen Festschrift von 1954. Denn am 2. September 1904, einen Tag nach der Eröffnung, erschoss sich der Präsident der Gesellschaft, die das Theater erbaut hatte, wegen finanzieller Probleme. "Ben Tieber befürchtete, durch den Zusammenbruch der Hauseigentümer sein Pachtrecht zu verlieren." Doch der "große künstlerische und finanzielle Erfolg des ersten Spieljahres" ermöglichte es Tieber, das Haus 1905 zu erwerben.

- © Circus- und Clownmuseum Wien
© Circus- und Clownmuseum Wien

Erfolg auch dank
der "Nuditäten"

Tieber, der "Meister des Varietés", hatte die Kunstform in Amerika studiert und brachte seine Expertise nach Wien mit. Die "Wiener Zeitung" vom 3. September 1954 schreibt über den Direktor: "Er stellte wahre Monsterprogramme zusammen - erst, wenn die Zuschauer von der Überfülle des Gesehenen und des Gehörten förmlich erschlagen waren, fühlte Ben Tieber sein Gewissen als großer ‚Show-Man‘ beruhigt."

Das Wiener Original wurde zum größten Konkurrenten des Ronacher Theaters und konnte sich, nicht zuletzt durch die "Nuditäten" exotischer Tänzerinnen, erfolgreich halten. "Eine Gemeinsamkeit hatten diese Etablissements aber," so Kaldy-Karo. "Die hochoffiziellen Artistenprüfungen wurden früher in beiden Häusern vor einer strengen Fachjury abgehalten."

"Im Zuschauerraum drängte sich die Hautevolee der Haupt- und Residenzstadt und das arrivierte Bürgertum: monokelbewaffnete ‚Lebemänner‘, die Vertreter des Kommerzes und der Industrie, korsettgepanzerte Damen und Halbdamen, säbelklirrende Leutnants mit ihren süßen Mädeln, aber auch die Vettern aus Dingsda, die gekommen waren, um die aus Paris importierten pantomimischen Kreationen trikotbehafteter Schönheitstänzerinnen zu bestaunen. Meist wurden diese, ihre Brieftaschen ängstlich bewachenden Einzelgänger, eine nur zu leichte Beute der im Saale umherstreichenden Taschendiebe", blickte Ludwig Eldersch im "Neuen Österreich" vom 20. August 1954 auf die Varieté-Zeiten des Hauses zurück.

Finanzielle und
kulturelle Krise

Diese erfolgreiche Phase fand jedoch ihr Ende, der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit waren von Not und Armut geprägt. Zur finanziellen und existenziellen Krise kam dann auch noch eine kulturelle, denn langsam zeichnete sich der Niedergang der Varieté-Gattung ab und das Apollo wandte sich der Operette zu. Tieber kämpfte weiter und verpachtete das Haus erst, als er 1923 schwer erkrankte. Er starb 1925 und musste den Bankrott des Hauses im Jahr 1928 nicht mehr erleben.

Das Apollo wurde von der zur Stadt Wien gehörenden Kinobetriebsgesellschaft (Kiba) gekauft und zum Lichtspieltheater umgebaut. Der hochmoderne Tonfilm wurde langsam zur "Weltmacht", womit ein großes Theatersterben einherging. Das Apollo wollte ganz vorne dabei sein und installierte eine aufwendige Lüftungsanlage, die "einen sechs- bis siebenmaligen Luftwechsel pro Stunde ermöglicht", wie in der Festschrift von 1954 zu lesen ist. Weiters heißt es dort, dass das Premierenkino "auch die weltberühmt gewordenen Micky-Maus-Zeichentrickfilmgrotesken zuerst zeigen" konnte.

Chaplin lockt die
Massen an

Nachdem Charlie Chaplin hier bereits in früheren Jahren live vor Publikum aufgetreten war, wurden nun auch seine Filme im Apollo gezeigt: Seinen "Goldrausch" schauten sich fast 100.000 Menschen an. 1938 wurden die Kinos der städtischen Kiba von der nationalsozialistischen Ostmärkischen Filmtheater Betriebs GmbH enteignet. Die Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg fand am 24. April 1945 mit dem russischen Film "Iwan IV" statt.

Nach dem Totalumbau 1996 ist das Kino heute im Besitz der Constantin Film-Holding und in die österreichische Cineplexx-Kette integriert. Das Haus beherbergt ein Dutzend Säle und einen IMAX+3D-Saal.