Wien. In einem Wiener Kindergarten sollen Kleinkinder, die noch nicht reden können, in einen Waschraum geschickt oder sogar gesperrt worden sein. Der Fall kam auf, weil ein Vorschulbub davon erzählte. Doch wie erkennen Eltern, dass im Kindergarten etwas nicht passt? Wenn Kinder sich verbal noch nicht ausdrücken können, dann ist die Beobachtung ihres Verhaltens wichtig, riet die Psychologin Helene Haidl.

Konkret geht es darum, ob sich das Kind anders verhält als sonst - also so, wie man es eigentlich kennt: "Es könnte sein, dass das Kind ruhiger wird, weniger fröhlich, weniger aktiv, vielleicht nicht so gerne die Nähe von wichtigen Bezugspersonen sucht. Das kann aber auch das Gegenteil sein. Das Kind wird deutlich unruhiger, aufgedrehter, sucht häufiger die Nähe der Bezugspersonen, wie Mutter oder Vater", erklärte Haidl, die leitende Psychologin bei der MA 11 (Kinder-und Jugendhilfe).

Ausschau halten nach Verhaltensänderung

Aber, so ihr Hinweis, die Verhaltensänderung bei einem Kind kann viele Gründe haben - es muss nicht zwingend der Kindergarten sein. "Man muss sich zunächst wirklich überlegen, ob es Veränderungen zum Beispiel in der Familie gab", sagte sie. Dies könnte ein Umzug sein, die Trennung der Eltern, der Tod eines Familienmitgliedes oder der Kindergarteneintritt: "Da ist es normal, dass es zu Ängsten kommt oder zur emotionalen Irritation des Kindes."

Wenn man sich die Verhaltensänderung nicht erklären kann, dann rät die Psychologin, im Kindergarten oder der Kinderkrippe nachzuforschen. Ihr Tipp dazu: "Ich würde ganz allgemein beginnen und fragen, wie der Pädagoge oder die Pädagogin das Kind sieht und ob es den Eindruck gibt, dass es sich in letzter Zeit verändert hat. Und wenn ja, in welcher Weise das erlebt wird und ob es eine Idee gibt, warum es die Verhaltensänderungen gibt."

Eltern müssten dann abschätzen, wie plausibel die Antwort des pädagogischen Personals ist, das sie ja in der Regel kennen. Ein weiterer Rat Haidls: "Ich würde auch versuchen, eine zweite Meinung einzuholen" - also einen weiteren Mitarbeiter in der Krippe oder im Kindergarten fragen, der ebenfalls mit dem Kind zu tun hat. Wobei die Psychologin einräumte: "Eine Traumatisierung zu erkennen, ist ziemlich schwierig."

Eltern sollten auf das Bauchgefühl hören

Auf die Frage, wie lange denn Eltern nach einer aufgefallenen Verhaltensänderung des Kindes zuwarten sollen, bis sie reagieren, antwortete Haidl: "Es ist weniger eine Frage von Wochen und Monaten, sondern wie das Kind beeinträchtigt wird. Wird es stark beeinträchtigt? Ist es ein erheblicher Leidensdruck? Entwicklungstypische Ängste sind eine Zeit lang da und verschwinden wieder." Eltern müssten sich dabei auf ihr Gefühl verlassen.

Kinder könnten allerdings auch unter Trennungsschmerz leiden und deswegen beim Abgeben im Kindergarten weinen und nicht bleiben wollen: "Wenn es der Trennungsschmerz von den Eltern ist, dann ist das in der Regel so, dass die Kinder beim Abgeben und wenn sie in die Gruppe gehen, weinen, traurig sind und nicht bleiben wollen. Das legt sich normalerweise rasch, wenn die Mutter oder der Vater die Gruppe verlassen hat."

Gibt es tatsächlich Probleme im Kindergarten, so rät die Psychologin zu zwei Schritten. Sollten Eltern das Gefühl haben, dass zu wenig auf das Kind eingegangen wird, dann "wäre es natürlich gut, das möglichst diplomatisch anzusprechen, sodass sich die Kindergartenpädagogin in ihrer Kompetenz nicht infrage gestellt fühlt, aber sodass sich die Eltern mit ihren Sorgen und Beobachtungen ernst genommen fühlen".

Bei gravierenden Vorkommnissen - wie dem Einsperren im Waschraum - sollte jedenfalls psychologische Betreuung herangezogen werden.