Wien. Wie sehen Hochschulen heute aus? Und welche Verantwortung für die Gesellschaft von morgen haben sie? Diese Fragen stehen diesen Mittwoch und Donnerstag im Zentrum von Veranstaltungen der FH Campus Wien, Österreichs größter Fachhochschule. Neben hausinternen Experten wird auch Manuel Dolderer auf dem Podium sitzen. Der Absolvent der Universität Witten/Herdecke im Ruhrgebiet (1983 die erste deutsche Privatuni) hat seinerseits im Jahr 2017 eine private FH mitgegründet: die englischsprachige und international ausgerichtete Code University of Applied Sciences im Berliner Start-up-Campus.

Für Dolderer gibt es "gesamtgesellschaftlich betrachtet kein wichtigeres Thema als Bildung". Er sieht darin die Grundlage für ein sinnvolles Teilhaben an der künftigen Gesellschaft. "Bildungsanstrengungen dürfen sich aber nicht nur auf die jungen Generationen konzentrieren", betont er. Bildung ist heute mehr denn je eine Lebensaufgabe." Das bedeute, allen Menschen kontinuierliches Weiterlernen zu ermöglichen, um in einer sich ständig verändernden Welt bestehen zu können.

Um die notwendigen Kompetenzen weiterzugeben, brauche es, so Dolderer, freilich mehr als reine Wissensvermittlung: "Die Vorstellung, dass Wissen die wichtigste Ressource der postindustriellen Gesellschaft ist, hat uns in eine bildungspolitische Sackgasse geführt. Was wir brauchen, sind Menschen, die die Herausforderungen unserer Gesellschaft verstehen und in der Lage sind, ihr Wissen mit einer unternehmerischen Geisteshaltung für neue Lösungsansätze zu verwenden. Wissen ist dabei aus seiner Sicht ein notwendiger, aber keineswegs hinreichender Bestandteil von Bildung." Es gehe also auch darum, verfügbares Wissen kritisch zu bewerten, neu zu verknüpfen und in kreativen Problemlösungsprozessen kollaborativ einzusetzen.

Verfügbares Wissen kritisch bewerten und einsetzen

Das müsse sich natürlich auch in den Bildungseinrichtungen widerspiegeln: "Wir müssen auf die Vermittlung von Kompetenzen fokussieren. Das erfordert ein radikales Umdenken und verändert das Selbstverständnis von Lehrenden und Bildungsinstitutionen und die Art und Weise, wie wir Curricula und Lernumgebungen künftig entwickeln und gestalten werden", erläutert der FH-Mitgründer. Solange bloße Belehrung und Wissensvermittlung im Vordergrund stünden, werde es nicht möglich sein, "Kernkompetenzen für eine produktive und selbstbestimmte Teilhabe an unserer Gesellschaft und der Arbeitswelt von morgen zu entwickeln". Was er damit konkret meint? "Es braucht neben einem grundlegenden Verständnis für die naturwissenschaftlichen, gesellschaftlichen und philosophischen Zusammenhänge und neben Basiskenntnissen digitaler Technologien vor allem menschliche Kernkompetenzen: Kreativität, kritisches Denken, kommunikative und kollaborative Kompetenzen sowie ein gesundes Maß an Neugier und Unternehmergeist."

Gratis studieren, Gebühren erst bei Einkommen zurückzahlen

An der Code University versucht man deshalb, "die Studierenden und ihre Lernerfahrungen konsequent zum Mittelpunkt unseres Lernkonzepts zu machen", wie Dolderer erklärt. Das heißt in der Praxis: Statt eines vordefinierten Lehrplans gestalten sie ihr Studium in Projekten selbst.

Angeboten werden drei sechssemestrige englischsprachige Bachelor-Studiengänge (Interaction Design, Software Engineering und Product Management), die den Bologna-Richtlinien der EU entsprechen. Bei der Finanzierung stand der "Umgekehrte Generationenvertrag" der Witten/Herdecke Pate: Das Studium ist zunächst gratis, die Absolventen zahlen aber dann über mehrere Jahre einen gewissen Prozentsatz ihres Einkommens als Studiengebühren an die Hochschule zurück.

Mit ihrem Konzept haben Dolderer und Co. nicht nur das Land Nordrhein-Westfalen überzeugt (die Code University wird sogar im Koalitionsvertrag als Vorbild für die Ausbildung von Softwareentwicklern genannt), sondern auch Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg traut ihren Absolventen "in Zukunft Großartiges" zu. Und unter den bekannten Geldgebern finden sich Trivago-Gründer Rolf Schrömgens, Otto-Erbe Benjamin Otto oder die Gründer von Check24.