Bauarbeiter zählen zu den am häufigsten von Schwerhörigkeit Betroffenen. - © B. Ostojic /StockAdobe
Bauarbeiter zählen zu den am häufigsten von Schwerhörigkeit Betroffenen. - © B. Ostojic /StockAdobe

Wien. Jeder Wiener hat sie schon einmal gesehen: Bauarbeiter, die mit einer höllisch lärmenden Maschine den Asphalt aufschneiden. Mehr als 100 Dezibel beträgt die Lautstärke dabei - weit über dem gesundheitsgefährdenden Wert 85 Dezibel. Diese Bauarbeiter haben ein besonderes Risiko, irgendwann unter Lärmschwerhörigkeit zu leiden.

Bei mehr als der Hälfte der Arbeitnehmer, denen in Wien im vergangenen Jahr eine Berufskrankheit attestiert wurde, handelt es sich um Schwerhörigkeit, die durch Lärm verursacht wurde. In absoluten Zahlen betraf dies nach der jüngsten Statistik der Landesstelle der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) für die Bundesländer Wien, Niederösterreich und Burgenland 137 Fälle.

226 Fälle von anerkannter Berufskrankheit

Insgesamt wurden von der Wiener AUVA-Landesstelle im Vorjahr 226 Fälle mit anerkannten Berufskrankheiten registriert. "Seit eh und je", jedenfalls seit Jahrzehnten, sei Schwerhörigkeit als Folge von Lärm am Arbeitsplatz die häufigste Berufskrankheit, analysiert Bernd Toplak, der stellvertretende Leiter der Präventionsabteilung in der Wiener AUVA-Landesstelle, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Mit Abstand", wie der Experte dazusagt. Das gilt auch für Österreich und alle Bundesländer. Von 1140 anerkannten Berufskrankheiten im ganzen Bundesgebiet betrafen 640 beziehungsweise 56,1 Prozent Fälle von Schwerhörigkeit aufgrund von Lärm.

Tatsächlich weist die Jahresstatistik 2018 als zweithäufigste Berufserkrankungen für Wien, Niederösterreich und das Burgenland asbestbedingte Krebserkrankungen von Rippenfell, Lunge oder Kehlkopf aus, nämlich 45 Fälle. Auf dem dritten Platz kamen die Fälle mit Hauterkrankungen, nämlich 29. Und das, obwohl die AUVA-Landesstelle, die für 42 Prozent der mehr als fünf Millionen Versicherten zuständig ist, gleichzeitig bei den beiden häufigsten Berufskrankheiten die stärksten Rückgänge verzeichnet. Im Jahr 2017 hat es allein noch 332 Fälle anerkannter Berufskrankheiten gegeben.

Anders als Altersschwerhörigkeit ist berufsbedingte Schwerhörigkeit aufgrund von Lärm nicht operativ behandelbar. Aber auch wenn Lärm am Arbeitsplatz als Berufskrankheit bescheinigt wird, heißt das nicht, dass Betroffene nicht mehr arbeiten können oder dürfen. Je nach Minderung der Hörfähigkeit gibt es aber auch ab 20 Prozent reduzierter Hörleistung eine Rente als Geldleistung. Über Rehabilitationsmaßnahmen in medizinischer, beruflicher und sozialer Hinsicht trachtet die AUVA, dass ein Betroffener im Berufsleben bleibt. Dazu kann auch eine Umschulung dienen. Zwar wurden Schutzmaßnahmen und Schutzausrüstungen im Laufe der Zeit verbessert. Als Vorbeugung gegen Schwerhörigkeit im Job dient nicht zuletzt der Gehörschutz in der Form von Kopfhörern. Der Haken dabei, wie in der Unfallversicherungsanstalt geschildert wird, ist, dass sich Arbeitnehmer nicht daran halten, wenn die "laute" Tätigkeit nicht allzu lange dauert.

Bau und Baunebengewerbe
am häufigsten betroffen

Die Hauptbetroffenen bei der Berufskrankheit Schwerhörigkeit kommen aus dem Baubereich und dem Baunebengewerbe. Das reicht vom klassischen Bauarbeiter bis zum Elektriker. Ebenfalls stark betroffen sind Arbeitnehmer, die für die Instandhaltung in Industrieunternehmen zuständig sind, beispielsweise Betriebselektriker. Gerade bei dieser Berufsgruppe wird das Risiko von Lärmbelästigung teils unterschätzt.

Dabei wurde die Schutzausrüstung verbessert: Zum klassischen Gehörschutz auf dem Kopf kommen Dehnschaumstöpsel. Relativ neu ist individuell angepasster Gehörschutz, der mittels Abdruck für das einzelne Ohr bereitgestellt werden kann, wie AUVA-Experte Toplak erläutert. Der Vorteil dabei ist, bei diesem Schutzfeld kann die Sprache eines anderen Menschen weiter verstanden werden, laute Arbeitsgeräusche werden abgehalten. Was Krebserkrankungen aufgrund von Asbest betrifft, so sind diese Berufserkrankungen wegen der langen Latenzzeiten häufig Folge des sorglosen Umgangs damit in den 1970er- und 1980er Jahren.