Es ist fünf vor zwölf am 31. Mai. Auf dem Heldenplatz in Wien haben sich 35.000 Menschen eingefunden, weil es auch sprichwörtlich fünf vor zwölf ist, nämlich für die Artenvielfalt auf unserem Planeten.

Freitag ist seit einigen Wochen der weltweite Streiktag der Organisation "Fridays for Future". Angestoßen hat diese Bewegung die schwedische Klimaaktivistin und Schülerin Greta Thunberg. Sie streikte dieses Mal in Wien mit und hielt eine Rede. Mittlerweile haben sich auch "Parents for Future" angeschlossen und an die 26.000 "Scientists for Future".

Stellvertretend für die Wissenschaftler betritt Franz Essl die Bühne, Assistenzprofessor im Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien. Er hat Fakten über die Bedrohung der Erde durch den Klimawandeln mitgebracht. Zum Beispiel, dass der Welterschöpfungstag 2018 am 1. August erreicht war. Er markiert den Zeitpunkt, an dem wir so viel natürliche Ressourcen verbraucht haben, wie unsere Erde innerhalb eines Jahres verkraften und sich wieder regenerieren kann.

Heroes und Animateure

Noch nie wurde dieser Punkt für ein so frühes Datum prognostiziert. Der übermäßige Ressourcenverbrauch und die Klimaerwärmung bedroht die Artenvielfalt ernsthaft, wie aus dem aktuellen Biodiversitäts-Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen hervorgeht. Wir leben auf Kredit, sagt Essl, aber die Erde könne uns irgendwann keinen Kredit mehr gewähren.

Die Freitag-Streiks der Jugendlichen finden nicht alle gut. Aus der Politik kamen Aufforderungen, am Samstag zu streiken und nicht gegen die Schulpflicht zu verstoßen. Die Fehlstunden werden in der Regel nicht entschuldigt. Ben Eigel, 18 Jahre alt und Schüler in Wien, hat deswegen die Betragensnote "Zufriedenstellend" bekommen. "Es war’s auf jeden Fall wert." Er findet es blöd, dass er eine schlechte Betragensnote bekommt, weil er sich für das Klima einsetzt. Kritik an der Bewegung gibt es auch wegen Falschmeldungen über verschmutzte Straßenzüge nach den Streiks, die in den sozialen Medien kursieren. "Naja, stimmt nicht, sonst wäre ja ich nicht da," sagt Livio Zambra dazu.

Der 15-Jährige ist heute einer von den sogenannten Heroes, die hinter dem Demonstrationszug bleiben und, Mistsack und -zange in der Hand, Müll aufsammeln. Die Organisatoren von "Fridays for Future" verteilen verschiedene Aufgaben an engagierte Mitstreikende. Neben den Heroes gibt es beispielsweise Animateure, die mit Megafonen im Demonstrationszug unterwegs sind und den Streikenden Chants vormachen, die diese dann wiederholen, etwa: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut."

"Sie müssen es nur machen"

Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner ist mit seiner Familie gekommen und beeindruckt: "Ich sehe keine Generation von Egoisten, die heranwächst, sondern ganz verantwortungsvolle junge Menschen. Wir könnten uns ein Beispiel an ihnen nehmen."

Die Endkundgebung findet auf dem Schwarzenbergplatz direkt vor dem Hochstrahlbrunnen statt. Als Greta Thunberg gegen 15 Uhr die Bühne betritt, steht dort oben ein schüchtern wirkendes Mädchen, auf dessen zögerlich ins Mikrofon gesprochene "Hi" tosender Applaus und Kreischen folgt, das man sonst bei Pop-Konzerten hört. Zwei Mädchen in der Menge tragen ein T-Shirt mit der Aufschrift "We love Greta", unter die eine Collage von Bildern mit ihrem Idol gedruckt ist.

Für die früheren Generationen hat die schwedische Aktivistin eine klare Botschaft: Ihr seid schuld und wir dürfen es ausbaden. In tadellosem Oxford-Englisch appelliert sie nüchtern an die Entscheider in Wirtschaft und Politik: "Tut etwas. Wir brauchen euch jetzt mehr denn je." Sie sollen über die nächste Wahl und den nächsten Finanzbericht hinaus zu denken und "müssen aufhören, nur an sich selbst zu denken." Als ersten Schritt wünschen sich die Streikenden von der Politik, dass der Klimanotstand ausgerufen wird. "Sie kriegen das eh schon alles von uns auf die Hand, was zu tun ist", sagt der Schüler Livio, "Sie müssen es nur noch machen."