Wien. .Im Fall des Hungertods einer 45-jährigen Wienerin und ihrer 18-jährigen Zwillingstöchter wäre laut Volksanwaltschaft eine engmaschigere Kontrolle der Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) geboten gewesen. Die Leichen der drei Frauen waren im Mai in einem Gemeindebau in Floridsdorf aufgefunden worden - mehrere Wochen nach dem Todeseintritt. Die Volksanwaltschaft hat den Fall auf ein allfälliges Behördenversagen und mögliche Missstände untersucht.

"Aufgrund eindeutiger Hinweise auf eine schwere psychische Erkrankung der Mutter hätte die MA 11 von sich aus regelmäßig kontrollieren und mehr unterstützende Maßnahmen ergreifen müssen", stellte Volksanwalt Bernhard Achitz (SPÖ) am Montag nach Vorliegen des Prüfberichts fest. "Eine engmaschigere Kontrolle wäre notwendig gewesen", hielt er gegenüber der Nachrichtenagentur Apa fest.

Wie Achitz berichtete, war die Familie zuletzt über ein Jahr vor dem tragischen Geschehen von Sozialarbeitern der MA 11 aufgesucht worden. Anlass dafür waren Informationen "aus dem Wohnumfeld" auf Auffälligkeiten. Bei dem Besuch hätten die Sozialarbeiter "keine direkten Hinweise auf das Vorliegen einer Krisengefährdung" festgestellt, so Achitz. Die Töchter hätten "gut ernährt, normal orientiert" gewirkt. Insofern habe die MA 11 keinen Grund zu weiterem Einschreiten gesehen.

Allerdings dürften die Sozialarbeiter nicht in der Lage gewesen sein, als medizinische Laien das Ausmaß der schweren psychischen Erkrankung der Mutter und die damit verbundene Gefährdung der gesamten Familie zu erkennen. Man habe die Situation "unterschätzt" und daher von weiteren Kontrollmaßnahmen bzw. einer engmaschigeren Betreuung Abstand genommen, so Achitz.

Stadt räumte Versäumnisse ein

Die Stadt Wien habe in ihrer Stellungnahme an die Volksanwaltschaft auch dahin gehend Versäumnisse eingeräumt und Verbesserungen in Aussicht gestellt, betonte Achitz. Künftig soll bei jedem Verdacht einer psychischen Erkrankung in einer Familie, die von der MA 11 betreut wird, der psychologische Dienst eingebunden werden. Außerdem werden die Richtlinien für die Soziale Arbeit überarbeitet. Für Achitz liegt darin der "wesentliche Schlüssel, um solche Tragödien zu verhindern."

Im gegenständlichen Fall war die Familie regelmäßig kontrolliert worden, so lange die Kinder in die Schule gingen. Dort dürfte bemerkt worden sein, dass es in der Familie Auffälligkeiten gab. Als die Töchter ihre Ausbildung abgeschlossen hatten, gerieten sie aus dem Fokus der Behörden. Österreichweit stelle man immer wieder Lücken in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen vor Eintritt in den Kindergarten bzw. nach Ende der Schulpflicht fest, heißt es seitens der Volksanwaltschaft. Achitz forderte daher grundsätzlich, die aufsuchende Elternarbeit müsse generell gestärkt werden: "Mehr Ressourcen müssen bereitgestellt werden, damit die Behörden frühzeitig und begleitend auf Gefährdungspotenzial reagieren können." (apa)