"Wiener Zeitung": Am Mittwoch wurde im Wiener SMZ Süd ein Arzt von einem Patienten mit einem Messer niedergestochen. Scheinbar hat Gewalt in Krankenhäusern zugenommen. Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um das zu verhindern?

Reinhard Haller: Das ist eine sehr komplexe Geschichte, auf die es nicht nur eine Antwort gibt. In so einem Fall wie den gegenständlichen muss man ja erst einmal abklären, ob es persönliche Motive waren oder ob der Mann nicht überhaupt psychisch krank ist. Es kann ja auch sein, dass jemand einen Verfolgungswahn auf jemanden entwickelt und es dann deswegen zu einer unvorhersehbaren Tat kommt - zufällig an einem Ort, wo das Opfer am besten erreichbar war. Da es aber auch in der Vergangenheit immer wieder Aggressionshandlungen in Krankenhäusern, aber auch im psychiatrischen Bereich gegeben hat, hat sich auch das Anzeigeverhalten verändert.

Reinhard Haller ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Er leitet das Vorarlberger Behandlungszentrum für Suchtkranke und ist Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik in Vorarlberg. Seit 1983 ist er er auch als psychiatrischer Gutachter tätig und untersuchte unter anderem die Fälle Jack Unterweger und Franz Fuchs. - © privat
Reinhard Haller ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Er leitet das Vorarlberger Behandlungszentrum für Suchtkranke und ist Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik in Vorarlberg. Seit 1983 ist er er auch als psychiatrischer Gutachter tätig und untersuchte unter anderem die Fälle Jack Unterweger und Franz Fuchs. - © privat

Weil es heute mehr Übergriffe gibt als früher?

Es gibt tatsächlich internationale Untersuchungen, wo herausgekommen ist, dass 23 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Aufnahmestationen sagen, sie seien schon einmal Opfer von Gewalt gewesen oder zumindest bereits einmal bedroht worden. Und diese Zahl hat sich ganz eindeutig gesteigert. Dadurch wird das Dunkelfeld verkleinert und das Hellfeld erhöht. Und dadurch ist auch die Sensibilität gegenüber Gewalt gestiegen.

Warum glauben Sie, ist das so?

Früher hat man bei einem aggressiv gewordenen Vollberauschten gesagt: Der ist eh schon gestraft genug, den brauchen wir nicht anzeigen, wenn er Drohungen ausspricht. Heute wird - was ja auch richtig ist - gleich alles angezeigt, weil es ja manchmal auch um rechtliche Ansprüche geht. Außerdem muss man bedenken, dass sich Menschen, die ins Krankenhaus kommen, oft in Krisensituationen befinden. Deswegen hat man in einem Krankenhaus oft viele Menschen mit einer aggressiven Ausgangssituation. Etwa weil sie betrunken irgendwo aufgegriffen wurden, weil sie Drogen genommen haben, weil es zu Hause einen heftigen Streit gegeben hat. Und wenn sie dann vielleicht auch noch gegen ihren Willen fixiert werden müssen, dann eskaliert schnell einmal die Situation.

Also spielen Alkohol und Drogen auch eine wichtige Rolle?

Ja, es wird mit Alkohol anders umgegangen. Das Rauschtrinken ist zum Beispiel immer häufiger geworden. Auch aggressionsfördernde Drogen, haben heute eine große Prävalenz. Und jene Personen, die ein Problem damit haben, landen meistens im Krankenhaus und nicht mehr im Gefängnis. Auch wenn es keine Untersuchungen dazu gibt, bin ich überzeugt davon, dass ein erheblicher Teil von diesen aggressiven Menschen unter Substanzeinfluss stehen.