Wien. Eine Person bricht vor dem Eingang eines Krankenhauses zusammen. Das Spital wird alarmiert, doch das leistet nicht sofort Hilfe, sondern lässt zuerst einmal die Rettung rufen. So geschehen am vergangenen Freitagnachmittag, als eine Frau vor dem Eingang des Krankenhauses Nord zusammenbrach. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas in Wien vorkommt. Doch wie kann so etwas passieren? Liegt es an den Vorschriften? Wird geschlampt?

Eigentlich hat der Krankenanstaltenverbund - zu dem das KH-Nord gehört - klare Richtlinien: Nach dem Aufenthaltsort fragen, den Zustand der Person ermitteln, die Rettung rufen und das spitalseigene Notfallteam losschicken.

Auf letzteren Punkt der Notfallkette hat der verantwortliche Mitarbeiter des KH Nord vergangene Woche augenscheinlich vergessen. Stattdessen wurde für die Frau, die wenige Meter vor dem Haupteingang kollabierte, lediglich die Rettung gerufen. Die brachte die Frau dann in die Notaufnahme des Krankenhauses.

"Von den Vorgesetzten wurden für die verantwortliche Person sofortige disziplinäre Maßnahmen gesetzt", sagte eine KAV-Sprecherin. Ein Kündigungsgrund sei dieses Vergehen aber nicht. Noch dazu ist der Fall glimpflich ausgegangen: Die Frau erholte sich und konnte noch am selben Abend nach Hause gehen.

Alle Spitalsmitarbeiter mussten jedoch umgehend zu einer Nachschulung antreten. Dabei sei das Personal noch einmal darauf hingewiesen worden, was in einem medizinischen Notfall einer spitalsfremden Person im unmittelbaren Umfeld des Krankenhauses zu tun sei. Dass sich jemand falsch verhält, könne man aber nie zu 100 Prozent ausschließen, so die KAV-Sprecherin. Die Frau sei zwar nicht unmittelbar vor dem Eingang des Spitals zusammengebrochen, sondern auf der anderen Straßenseite; das sei aber nicht relevant, weil natürlich geholfen werden müsse.

Konsequenzen in Hernals

"Es macht keinen Sinn zu diskutieren, ob der Patient jetzt einen Meter über der Zuständigkeitsgrenze liegt oder nicht", wurde den Mitarbeitern erklärt. Unter unmittelbarer Umgebung sei "der Einsichtsbereich des Haupteingangs gemeint".

Der Vorfall erinnert an ein Unglück, dass sich im November 2018 zugetragen hatte: Ein 63-Jähriger brach nur wenige Meter vor dem Krankenhaus Göttlicher Heiland in Hernals zusammen und starb an den Folgen eines Herzinfarkts. Einer Passantin, die beim Portier des Spitals um Hilfe gebeten hatte, wurde geraten, die Rettung zu verständigen. Nach kurzem Zögern des Portiers, ob das Krankenhaus für den Mann nun zuständig sei oder nicht, alarmierte dieser ein Ärzteteam, das kurz darauf aus dem Krankenhaus auf die Straße lief und mit Wiederbelebungsmaßnahmen begann. Die Rettung brachte den Mann wenig später ins Wilhelminenspital, wo er verstarb.

Das Krankenhaus Göttlicher Heiland hat Konsequenzen gezogen. Einen Monat nach dem Unglück traten interne Richtlinien in Kraft, mit klaren Vorgaben für die Mitarbeiter bei medizinische Notfällen außerhalb des Spitals. Auch hier müssen künftig die Rettung gerufen und ein Notfallteam nach draußen geschickt werden. Die Versorgung des Patienten soll bis zur Übergabe an das Rettungsteam erfolgen. Die Ermittlungen gegen den Portier, der nach dem Vorfall wegen fahrlässiger Tötung angeklagt wurde, sind Anfang Juni eingestellt worden. "Es konnte nicht festgestellt werden, dass die eingetretene Verzögerung kausal für den Todeseintritt war", erläuterte eine Sprecherin der Wiener Staatsanwaltschaft.