Wien. Noch genießen die Sonnenstühle in aller Ruhe die Abendsonne. Bald schon aber wird man sich beim Heurigen "Zeiler am Hauerweg" um sie reißen. Ab Freitag zieht wieder der Kirtag für vier Tage durch Neustift. Mit ihm kommen Politik und Prominenz - und bis zu 100.000 Besucher. Das einst überschaubare Straßenfest hat sich längst zu einem Massenevent entwickelt.

Wolfgang Zeiler hat den Wandel miterlebt. Seit 40 Jahren führt er den "Zeiler am Hauerweg", seit zwölf Jahren ist er Obmann des Weinbauvereins Neustift, der den Kirtag veranstaltet. "Wir sind quantitätsmäßig an unseren Grenzen", sagt er. "In den 1980er-Jahren haben wir uns noch gefragt: Sollen wir mit dem Kirtag aufhören?"

Zeiler, ein Mann mit sanfter Stimme, sitzt im Gastgarten seines Betriebes. Immer wieder späht er zu den Weinbergen in den Hügeln und zur Rathstraße, durch die sich die Besucher beim Kirtag schlängeln werden. Nur das Plätschern des Fließverkehrs begleitet seine Erzählungen.

- © Votava / Imagno / picturedesk.co
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Wandel in den 1980ern

Derart beschaulich und romantisch hatte es auch angefangen, damals in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Nach einer schlechten Ernte im Jahr 1752 baten die Neustifter Winzer Kaiserin Maria Theresia, ihnen die Steuern zu erlassen. Die Kaiserin zeigte sich gnädig. Als Dank schenkten sie ihr eine Erntekrone. Diese bekamen sie mit der Auflage zurück, jährlich einen Kirtag abzuhalten.

Wolfgang Zeiler . - © Moritz Ziegler
Wolfgang Zeiler . - © Moritz Ziegler

Seit 1754 zogen die Neustifter mit der Hauerkrone umher und kehrten in die Heurigen ein. Doch mit der Zeit sei der Anspruch der Besucher gestiegen, sagt Zeiler. In Wien sei immer mehr los gewesen, dank der besseren Infrastruktur sei man leichter in die Stadt gekommen. In den 1980er-Jahren habe man den Besuchern, vor allem den Stammgästen, mehr Abwechslung bieten müssen.

Das Geschehen verlagerte sich nach draußen, Straßen wurden längerfristig gesperrt, die Betriebe bauten Standerl auf. Ausgangspunkt seien damals 3000 bis 5000 Besucher gewesen, sagt Zeiler. Es habe gebraucht, bis sich der Wandel herumgesprochen habe. Mitte der 1990er seien die Zuwächse aber bereits ersichtlich gewesen: "Es hat sich dann immer mehr entwickelt." Nun würden um die 100.000 Gäste vorbeischauen, schätzt Zeiler.

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Mit diesem Anstieg verbunden ist die Popularität der Trachtenmode in der Stadt. "Kommt in der Tracht", habe man den Besuchern gesagt, so Zeiler. Auch das habe sich erst entwickeln müssen, nun aber seien Trachtenträger in der Mehrheit. Der Boom zeigt sich auch bei der "Wiener Wiesn": 2018 wurden mehr als 400.000 Gäste gezählt, bei der Premiere 2011 waren es noch 150.000 gewesen.