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Wien. 11.700 wohnungslose Menschen gab es 2018 in Wien. Das gab die Volkshilfe bei der Präsentation ihres neuen Tageszentrums in der Donaustadt bekannt. Eine "Erste Anlaufstelle und einen sicheren Rückzug" soll das Tageszentrum "NORD_light" im 22. Bezirk bieten. Gemeinsam mit dem "Fonds Soziales Wien", einer Tochterfirma der Stadt, hat die Volkshilfe das Tageszentrum nördlich der Donau errichtet. Direkt bei der S-Bahn-Station Erzherzog-Karl-Straße wurde das Tageszentrum angesiedelt und befindet sich damit am Rande Wiens. Das Nachtquartier und die Wärmestube, die hier im Winter statt dem Tageszentrum betrieben werden, waren so gut besucht, dass man sich entschlossen hat, hier auch für den Sommer einen Rückzugsort zu errichten. Gerade in den heißen Sommermonaten sei ein Ort zum Abkühlen wichtig, betont die Volkshilfe.

70 Personen haben Platz

Bereits seit Mai gibt es das Tageszentrum im 22. Bezirk. Neben sauberen Kleidern und kleinen Mahlzeiten gibt es dort auch die Möglichkeit zu duschen und Wäsche zu waschen. Auch Hygieneartikel und Bettwäsche gibt es für die Besucher des Tageszentrums. Übernachten dürfen die Besucher aber nicht. Die Öffnungszeiten sind von 10 bis 17 Uhr. Das Zentrum hat eine Kapazität von 70 Besuchern und weist eine durchschnittlichen Auslastung von 50 bis 70 Personen seit Mai auf. Vier Ruheräume mit 16 Betten sollen als Rückzugsmöglichkeit fungieren. Ein Raum ist speziell für Frauen. Diese sind hier eine Minderheit: Auf fünf Männer kommt im Durchschnitt nur eine Frau.

Die Besucher im Sommer stammen zum Großteil aus der Slowakei, erklärt Alena Mach, die Leiterin des Zentrums. Sie spricht ebenfalls slowakisch. Wenn die Besucher nicht hier sind, halten sich viele auf der Donauinsel auf, sagt sie. "Wir haben viele Stammkunden, die auch schon die Wärmestube im Winter hier besucht haben und auch jetzt wieder kommen". Es sei wichtig, Beziehungen zu den Besuchern aufzubauen, um ihnen langfristig helfen zu können, meint Mach.

Neben einer Erstversorgung werden auch ab und zu Freizeitaktivitäten angeboten. Fußballtraining, Graffiti sprayen im eigenen Innenhof und gemeinsames Musizieren gehören dazu. "Man merkt sofort, wie positiv sich zum Beispiel ein regelmäßiges Fußballtraining auf das Suchtverhalten auswirken kann", sagt Mach. Die Besucher des "NORD_light" seien unabhängig von ihrer Herkunft alle Rapid-Fans, erzählt die Leiterin schmunzelnd.

Kein Alkoholverbot

Die Sozialeinrichtung wird von Tanja Wehsely, Geschäftsführerin der Volkshilfe Wien, als sehr niederschwellig bezeichnet. Die einzigen zwei Bedingungen für die Besucher sind, dass sie älter als 18 Jahre sind und sich an die Hausordnung halten. Alkohol darf laut dieser nur in "sozial verträglichen Mengen" konsumiert werden. Sprich: Zwei bis drei Bier oder ein Tetrapack Wein am Tag. Ein vollständiges Alkoholverbot wäre sinnlos. "Wir wollen den Menschen ja auf Augenhöhe begegnen und die Realität ist einfach, dass viele obdachlose Menschen ein Alkoholproblem haben", erklärt Wehsely. Spirituosen sind allerdings verboten.

Eine von mehreren Stufen

"Eine Einrichtung wie ein Tageszentrum ist der erste Schritt in einem Stufenmodell", erklärt Martina Plahovits vom "Fond Soziales Wien". Hier würden die Betroffenen aufgefangen werden. Nach der Verpflegung wird in Beratungsgesprächen versucht, nächste Schritte zu setzen, die am Ende im besten Fall zurück zum selbstständigen Wohnen führen. Weitere Stufen in diesem Prozess sind die Unterbringung in Nachtquartieren und betreuten Wohnheimen.

"Wohnungslosenhilfe soll nicht wie in vielen anderen Städten eine rein sicherheitspolitische Maßnahme sein. Wir wollen hier in die Tiefe gehen", erklärt wiederum Sozialstadtrat Peter Hacker (SPÖ). Er wäre zuerst skeptisch wegen der Lage des Zentrums gewesen, wurde aber eines Besseren belehrt, da das Zentrum mittlerweile gut besucht ist.

Mit den Nachbarn und den Bewohnern des 22. Bezirks habe man bis jetzt nicht wirklich Probleme gehabt. "In den letzten zwei Jahren, seit das Nachtquartier errichtet wurde, gab es vielleicht zwei oder drei Beschwerden", so Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy.

Weitere Tageszentren gibt es Wien unter anderen von der Caritas, den Samaritern und dem "Fonds Soziales Wien" sowie vom roten Kreuz. Einige davon haben einen Schwerpunkt - wie zum Beispiel Frauen oder junge obdachlose Menschen.