Wien. Lange Zeit galten Trinkbrunnen als Selbstverständlichkeit, als etwas, das einfach da war. Durch die steigenden Hitzetage und den Klimawandel nimmt das Bewusstsein für die Trinkwasserversorgung im öffentlichen Raum jedoch wieder zu - bei Einheimischen und Fremden.

Dabei haben Trinkbrunnen in Wien schon jeher eine immense Bedeutung. Beachtliche 1000 Stück befinden sich auf den Straßen und Plätzen der Bundeshauptstadt. Zum Vergleich: In Deutschland befinden sich in Erlangen, dem landesweiten Spitzenreiter, 236 Stück. Auf dem zweiten Platz rangiert Stuttgart mit 95 Stück, in Berlin gibt es gar nur 55 öffentliche Trinkbrunnen. Europaweit führen Paris und Zürich mit jeweils rund 1200 Stück.

Die Basis für die Wiener Erfolgsgeschichte wurde im 19. Jahrhundert gelegt. Um 1860 gab es im damaligen Stadtgebiet - neben tausenden Hausbrunnen - nur rund 200 öffentliche Brunnenanlagen. Oft waren sie die einzige Wasserversorgung im jeweiligen Viertel, lange Fußwege dorthin waren für die Bewohner alltäglich. Erst mit Inbetriebnahme der beiden Hochquellwasserleitungen in den Jahren 1873 und 1910 und der beachtlichen Erweiterung des Stadtgebietes erhöhte sich die Zahl sprungartig. Der erste Schluck des frischen Alpenwassers, ermöglicht durch die Megaprojekte, stand natürlich Kaiser Franz Joseph höchstpersönlich zu. Feierlich verkostete er 1873 das Wasser.

Der Labetrunkbrunnen im Stadtpark wurde im Jahr 1909 enthüllt. - © Payer
Der Labetrunkbrunnen im Stadtpark wurde im Jahr 1909 enthüllt. - © Payer

Bis zum Ersten Weltkrieg zählte man bereits über 600 sogenannte Auslaufbrunnen, die auf Straßen und Plätzen sowie in den öffentlichen Gärten und Parks installiert waren. Sie halfen mit, die damals rund zwei Millionen Einwohner Wiens mit hochwertigem und ausreichendem Trinkwasser zu versorgen. Daneben gab es auch immer Hausanschlüsse, die direkt ins Gebäude bzw. die Wohnungen eingeleitet wurden.

"Ist das nicht ein Skandal?"

Die Zurverfügungstellung von sauberem Trinkwasser war Teil jenes gewaltigen Hygieneprogramms, das bei allen europäischen Stadtverwaltungen oberste Priorität genoss: Es galt, Krankheiten und Seuchen zu bekämpfen und die Sterblichkeit in den wachsenden Metropolen zu senken. Die Zahl an Trinkbrunnen avancierte zum Gradmesser für den Stand des zivilisatorischen Fortschritts.

Im internationalen Vergleich schnitt Wien dabei exzellent ab, ganz im Gegensatz etwa zur Metropole London, wie ein vielreisender Journalist im Jahr 1889 bemerkte: "In Berlin und Wien, in Paris und Rom, in Brüssel und Florenz kann man sich vielfach an unentgeltlichem Brunnenwasser erlaben; in London, der ‚Königin der Städte‘, hat man nur wenige öffentliche Trinkquellen. Ist das nicht ein Skandal?"