Wien. EU-weit wurden alleine im Jahr 2018 rund 88 Millionen Tonnen noch genießbare Lebensmittel weggeworfen. Dank sogenannter "Food Banks" konnten davon immerhin 781.000 Tonnen gerettet werden. "Das bedeutet täglich 4,3 Millionen Mahlzeiten", erklärte Angela Frigo, Generalsekretärin der European Food Banks Federation (FEBA), bei einem Pressegespräch anlässlich des 20. Jubiläums der Wiener Tafel am Montag in Wien.

In Deutschland sind es zwischen 11 Millionen und 18 Millionen Tonnen Lebensmittel, die jährlich vernichtet werden. "264.000 Tonnen können wir davon retten", erklärte Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland - Dachorganisation von mehr als 900 lokalen Tafeln.

In Wien werden täglich sage und schreibe vier Tonnen Lebensmittel von mehr als 200 Warenspenderunternehmen gerettet. Alleine eine Tonne davon kommt vom Großmarkt Wien, wo sich auch das Lebensmittelverteil- und Sortierzentrum der Wiener Tafel befindet. "Jedes dritte Lebensmittel weltweit wird für den Müll produziert", betonte Alexandra Gruber, Geschäftsführerin der Wiener Tafel und Obfrau des Verbandes der österreichischen Tafeln, am Montag. Und diesen "sinnlosen Kreislauf der Verschwendung" gelte es zu unterbrechen.

"Spenden ist Privatsache"

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Wiener Tafel forderte Gruber die rechtliche Erleichterung ihrer Tätigkeit, denn derzeit würden potenzielle Spender von Verwaltungsvorschriften abgeschreckt. "Es ist heute viel billiger, Lebensmittel wegzuwerfen, als sie an bedürftige Menschen zu verteilen", betonte der Ernährungswissenschafter Andreas Schmölzer, der im Auftrag der Wiener Tafel ein Gutachten erstellt hat. Und neben unzähligen Verwaltungsvorschriften seien noch steuerliche Aspekte und formale Haftungsthemen schlagend: "Sie haben ein verpacktes Lebensmittel mit einem Tippfehler in der Zutatenliste? Nach derzeitiger Rechtsauslegung ist es nach Verwaltungsvorschrift nicht verkehrsfähig. Das heißt, Sie dürfen es so weder als Unternehmer spenden noch als Tafel verteilen oder bei einem Sozialmarkt abgeben", meinte der Experte zur "Wiener Zeitung".

Deshalb plädiert er auch dafür, Spenden nicht als Teil des Lebensmittelunternehmertums, sondern als Privatangelegenheit zu betrachten. Und was die Haftungsfrage anbelangt, so würde statt des Lebensmittelrechts die übliche Sorgfaltspflicht aus dem bürgerlichen Recht gelten - solange es sich bei der Lebensmittelweitergabe formell um einen Akt der Hilfeleistung handle.

"Die Haftung bei Lebensmittelspenden ist quasi gleich zu sehen wie bei der körperlichen Ersten Hilfe", so Schmölzer, der sogar so weit geht, von unterlassener Hilfeleistung - oder zumindest von einer Verletzung der Bürgerpflicht - zu sprechen, wenn man genießbare Lebensmittel in den Müll wirft.

Alles was man tun müsse, um die Essensverteilung rechtlich zu erleichtern, wäre laut Schmölzer eine steuerliche Klarstellung in den Richtlinien zur Einkommens- und Umsatzsteuer sowie ein adäquater Sorgfaltsleitfaden für gemeinnützige Verteilorganisationen. Das koste nichts und bringe viel: "Mehr als 10 Prozent der nachteiligen Klimaeffekte sind durch Lebensmittelverwurf bedingt. So billig kriegt man Klimaschutz nirgendwo."

Eine weitere Forderung Alexandra Grubers lautet - vor allem vor dem Hintergrund der bevorstehenden Nationalratswahl -, die Tafel-Arbeit auf die politische Agenda zu bringen. Als deutliches Zeichen in diese Richtung wollte man die Anwesenheit von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig als Festredner bei der "Geburtstagsparty" der Wiener Tafel am Montagabend im Naturhistorischen Museum verstanden wissen.

Auch klimarelevantes Thema

Denn Lebensmittelrettung sei nicht nur ein soziales und gesellschaftliches Thema, sondern auch ein klimarelevantes - handle es sich bei der Lebensmittelverschwendung doch auch um eine "absurde Vergeudung von Ressourcen", betonte Gruber. So könne die Wiener Tafel mit einem Euro zehn Armutsbetroffenen helfen. "Und für jedes CO2-Äquivalent, das die Tafeln ausstoßen, werden gleichzeitig 27 CO2-Äquivalente eingespart. Eine solche Ratio hätte jedes Unternehmen gerne", so die Geschäftsführerin. Ihr Ziel: "Mit Unterstützung der Stakeholder aus allen Bereichen entlang der Wertschöpfungskette und laufenden EU-Programmen in fünf Jahren von der Vorreiterrolle in Österreich zum europäischen Spitzenfeld der Lebensmittelrettung zu gelangen."