Irina Spataru ist im Vorstand des Romano Centro. - © Cerasella Bellio
Irina Spataru ist im Vorstand des Romano Centro. - © Cerasella Bellio

Wien. Am 13. September wird ein temporäres Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Roma und Sinti eröffnet. Die Kuratorin und Aktivistin Irina Spataru fordert damit, einen Gedenk- und Erinnerungsort in der Stadtmitte zu errichten. Einen sichtbaren Ort, der nachhaltig mahnt: "Dikh he na bister!" "Schau und vergiss nicht!"

"Wiener Zeitung":Wie kam es von der Verfolgung zum Völkermord an Roma und Sinti?

Irina Spataru: Während des Nationalsozialismus wurden Roma und Sinti auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie schrittweise entrechtet, ihrer Lebensgrundlage beraubt und schließlich in die Vernichtungslager deportiert. Im Zuge des Auschwitzerlasses vom 16. Dezember 1942 ordnete Heinrich Himmler als Teil der sogenannten "Endlösung" an, alle noch im Reichsgebiet verbliebenen Sinti und Roma nach Auschwitz zu deportieren. Sein Ziel war die fabrikmäßige Ermordung der gesamten Minderheit. Mindestens 500.000 Roma und Sinti wurden während des Zweiten Weltkriegs ermordet. Wir können davon ausgehen, dass diese Zahl weitaus höher ist. Zum einem, weil viele Opfer gleich bei ihrer Ankunft in den Lagern getötet wurden - ohne als Gefangene registriert zu werden. Zum anderen gibt es bis heute nicht genug Interesse und somit kaum Förderung für die Forschung und Aufarbeitung des Völkermords an Roma und Sinti.

Deportation von Roma und Sinti im Dritten Reich. - © Bundesarchiv, R 165 Bild-244-42/CC-BY-SA 3.0
Deportation von Roma und Sinti im Dritten Reich. - © Bundesarchiv, R 165 Bild-244-42/CC-BY-SA 3.0

Der Verein Romano Centro, bei dem Sie im Vorstand tätig sind, fordert eine sichtbare Gedenk- und Erinnerungskultur. Was sind die zentralen Forderungen?

Am 2. August 2014 besuchte ich zum ersten Mal das ehemalige KZ Auschwitz und nahm an einer offiziellen Gedenkzeremonie teil. Der 2. August ist zentral, weil an diesem Tag im Jahr 1944 das sogenannte "Zigeunerlager" aufgelöst und die verbliebenen 4300 Roma und Sinti vergast wurden. Als ich von Auschwitz zurück nach Wien kam, wurde mir bewusst, dass weder der 2. August als Gedenktag in Österreich anerkannt ist, noch dass es ein offizielles Mahnmal gibt. 2015 wurde der 2. August vom Europäischen Parlament als Gedenktag ausgerufen. Daraufhin entschieden mein Kollege und ich, eine Jugendgedenkveranstaltung zu organisieren. Seit dieser ersten Gedenkveranstaltung fordern wir, jedes Jahr und zu jedem Anlass, die Anerkennung des Europäischen Gedenktags und die Errichtung eines Denkmals im Zentrum Wiens. Außerdem fordern wir ein Informations- oder Dokumentationszentrum, das sichtbar im Herzen der Stadt steht und daran erinnert, wie aus Hass der Holocaust entstand.