In Favoriten gibt es bereits ein Denkmal für Roma und Sinti, die 1941 von dort deportiert wurden. Das bei der Wienwoche eröffnete, temporäre Denkmal soll vor dem österreichischen Parlament stehen. Wieso gerade dort?

Bestehende Gedenktafeln und Steine befinden sich meist am Stadtrand. Dadurch sind sie kaum sichtbar für die breite Bevölkerung. In Berlin hat es fast 20 Jahre gedauert, bis aus der Forderung nach einem Denkmal für ermordete Roma und Sinti Realität wurde. Dafür steht es heute direkt neben dem Deutschen Bundestag, an einem wichtigen, zentralen Ort, der täglich von tausenden Menschen frequentiert wird. Das wünschen wir uns auch in Wien. Ein Denkmal innerhalb des Rings. Deswegen bin ich glücklich darüber, dass wir im Rahmen der Wienwoche unser temporäres Denkmal, das von der jungen Künstlerin Natali Tomenko entworfen wurde, vor dem österreichischen Parlament aufstellen können.

Das Denkmal im zehnten Bezirk wurde mehrmals Ziel von rassistisch motivierten Angriffen. Vor kurzem wurde auch die Ausstellung am Ring, die Porträts NS-Überlebender zeigte, mehrmals zerstört. Fürchten Sie, dass auch Ihr Denkmal - insbesondere durch die Sichtbarkeit in der Stadtmitte - von rassistischen Angriffen bedroht ist?

Als die Ausstellung mit den Porträts der NS-Überlebenden am Ring zerstört wurde, waren wir zuerst schockiert und entsetzt. Doch genau diese Tat hat eine Welle der Solidarität ausgelöst. Aktivisten der Muslimischem Jugend haben den ersten Schritt gemacht und die Porträts durchgehend bewacht. Danach kamen immer mehr Gruppen dazu, auch wir als Roma haben uns solidarisch gezeigt. Es kann natürlich jederzeit passieren, dass Kunst im öffentlichen Raum zerstört wird. Das spiegelt aber auch einen Teil der Gesellschaft wider. Kunst im öffentlichen Raum hat dann auch eine aufklärende Rolle und wird zu einem politischen Stimmungsbarometer. Zerstörte Gedenkstätten sind ein eindeutiges Warnsignal, dass der Hass, noch tief verankert in vielen Formen, existiert und dass wir heute, so wie damals, Widerstand leisten und für unsere Rechte einstehen müssen. Für unser Recht auf Anerkennung und unser Recht auf Gedenken.

Wie nehmen Sie Wien als einen Ort für Roma wahr? Gibt es genug Raum für Roma hier?

Wien bietet Raum für Diversität. Jeden Tag höre ich in der U-Bahn, auf der Straße Leute, die Romanes sprechen. In Wien wurde ich nie als Romni wahrgenommen, obwohl ich mich ab meinem 13. Lebensjahr als Romni geoutet habe. Aber wie die meisten Roma und Sinti bin ich "unsichtbar" - wir entsprechen nicht dem stereotypen Bild und den Vorurteilen, die so viele Menschen uns gegenüber haben. Oft musste ich mir anhören, dass ich eine "Ausnahme" sei, Roma und Sinti seien ja eigentlich so und so. In meiner Studienzeit kam ich durch den Verein Romano Centro zum Aktivismus und seitdem setze ich mich für die Rechte der Roma und Sinti ein. Denn wir sind nicht nur die größte ethnische Minderheit in Europa, sondern auch die am meisten diskriminierte. Ich denke, es ist noch ein weiter Weg, bis die Gesellschaft uns als das sieht, was wir sind: als Frauen, Männer, Jugendliche, Wiener, Schülerinnen, Studierende, Ärztinnen, Anwälte, Journalistinnen, Bäcker, Politikerinnen und vieles mehr. Genau deswegen müssen wir uns an die Geschichte erinnern und das Gedenken bewahren.