Wien. Schuld am außergewöhnlichen Hobby des Gerhard Zsutty ist der Zweite Weltkrieg. 1945 fand das Terrorregime der Nazis in Wien sein Ende, da war er gerade einmal 7 Jahre alt. Er wuchs in einer Stadt in Trümmern auf. "Ich hab als Kind in den Ruinen gespielt und Ziegel gesammelt, die ich schön fand. Wir hatten damals keine Möbel mehr, das ist alles kaputt gegangen. Ich habe mir aus den Ziegeln, die ich gefunden habe, Stellagen gebaut für meine Sachen", erzählt er heute, längst in Pension und mit ganzer Leidenschaft Leiter des Ziegelmuseums in der Penzinger Straße.

Als die Zeiten besser wurden, verschwanden die Ziegel im Keller und aus dem Gedächtnis. "Ich hab mich nie mehr damit beschäftigt", sagt er. Er ging als Paläontologe und Geologe auf Reisen, 1980 kehrte er zurück nach Wien. Beim Entrümpeln seines Kellers fand er seine Ziegel wieder und erfuhr, dass gerade ein Ziegelmuseum eröffnet hatte. Er trug sie zum Leiter des Museums, um ihre Herkunft bestimmen zu lassen. "Die konnten das aber nicht bei allen Ziegeln, weil ihnen jemand fehlte, der Grundlagenforschung betreibt", erzählt Zsutty. "Da hab ich mir gedacht, das ist eine schöne Beschäftigung, das mach ich."

Als er die Sammlung übernahm, umfasste sie 1500 bis 1800 Ziegel, heute sind es über 12.000 - auch Besucher des Museums werden gebeten, selbst Ziegel mitzubringen. Etwa 200 Exemplare sind in den drei Räumen des Museums auf zwei Stockwerken ausgestellt. Vom Mauerziegel zum Dachziegel, von jenen der alten Römer bis zu den neuesten Trends der Ziegelproduktion. Das Erste, das einem Besucher ins Auge springt, sobald er das Museum betritt, ist aber eine Karte zur Herkunft des Ziegels. "Die lass ich eher aus Pietät hängen", sagt Zsutty. Sie ist überholt und nicht wirklich korrekt, geht aber auf den geistigen Vater des Ziegelmuseums zurück, den 1982 verstorbenen Anton Schirmböck. Er begründete die Ziegelforschung in Österreich und verfasste Werke wie "Abendländische Aspekte der österreichischen Ziegelforschung".

Sandler als Ziegelarbeiter


Die Geschichte des Ziegels beginnt in unseren Breiten mit den Römern, nach dem Ende des römischen Imperiums ist aber auch der Ziegel wieder "in vollkommene Vergessenheit geraten", sagt Zsutty. Erst im achten Jahrhundert kehrte das Wissen um das Ziegelbrennen mit den Klöstern zurück. Ein ganzer Raum ist dem Wiener Mauerziegel und seiner Geschichte gewidmet, stundenlang kann Zsutty über und rund um den Ziegel referieren. Seine Geschichten zeigen, wie tief die Ziegel in der Wiener Kultur verankert sind: Es war früher Aufgabe der Männer, den Lehm für die Ziegel aus den Gruben hinauszuführen, Frauen waren es dann, die ihn in die Formen pressten. Damit der Lehm nicht in den Formen kleben blieb, mussten diese aber mit Sand bestreut werden. Diese Aufgabe übernahmen ungelernte, schlecht bezahlte Arbeiter, oftmals Zuwanderer. "Das waren die Sandler, daher kommt der Dialektausdruck", erzählt Zsutty.