Wien. "Bei der Seestadt Aspern, die ja auf der grünen Wiese ganz neu errichtet worden ist, gibt es wirklich keine Ausrede bezüglich Barrierefreiheit", meint Martin Ladstätter, Obmann des Vereins Bizeps. Der Behindertenvertreter und seine Kollegen haben die fünf Lokale in der Seestadt auf ihre Zugänglichkeit überprüft - und wurden schwer enttäuscht. "Das Restaurant ‚Salz+Pfeffer‘ hat die Erwartungen erfüllt, die wir an einen Neubau in Wien haben. Der Rest ist eigentlich nicht korrekt." Zwar sind drei von fünf Lokalen barrierefrei und ein weiteres mittels Metallrampe zugänglich, Behinderten-WCs fanden die Tester aber nur in zwei Gaststätten vor.

Den Vogel schoss aus Ladstätters Sicht das Restaurant "Portobello" ab: "Dort wäre genug Platz für ein barrierefreies Klo - stattdessen wird er für ein Abstellkammerl genutzt." Dabei schreibt das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz für alle seit 2006 geplanten und gebauten Gebäude Barrierefreiheit vor. Weil man das auch im 2015 eröffneten "Portobello" weiß, wurden die Tester zu einem Behinderten-WC geführt: etwa 120 Meter entfernt im Gemeinschaftsraum eines Wohnhauses, zu dem der Kellner einen Schlüssel hat - allerdings verlief er sich im ersten Anlauf. Vom benachbarten Restaurant "ÖEINS" sind es gut 100 Meter bis zu dieser Gemeinschaftstoilette. Über die metallene Rampe zur Überbrückung der Stufe im Eingangsbereich des "Portobello" sagt Ladstätter: "Bei einem Neubau ist es ein Wahnsinn, dass man da überhaupt eine Rampe braucht."

"Behinderte Gäste hatten
bisher kein Problem damit"


"Portobello"-Chef Karl Novak erklärt dazu, dass er für die Stufe nichts kann: "Die war schon bauseits da, der Bereich gehört nicht einmal zum Lokal dazu. Wir haben sogar die Rampe gebaut, noch bevor wir eröffnet haben. Vom Nachbarlokal aus sind wir stufenlos erreichbar." Und im WC-Bereich seien ursprünglich zwei Damenklos geplant gewesen, "aber wir haben dann gesagt, dass wir nur eines brauchen". Bisher habe sich niemand über die Distanz zum Behinderten-WC beschwert, "und wir haben viele behinderte Gäste - im Gegenteil, das wird bei uns gelebt". Er verweist auch auf die Gesetzeslage, wonach ein barrierefreies WC pro Etage vorgeschrieben sei, "und das haben wir, es ist halt im Nebenhaus".

Positiv überrascht wurden die Tester übrigens von der "Seestadt Kantine". Da es sich um einen Container handelt, der vor allem für Bauarbeiter gedacht ist, "hätten wir eigentlich gar nichts erwartet", sagt Ladstätter, der ein barrierefreies Mobilklo vorfand.

Trotzdem ist man bei Bizeps schwer enttäuscht, "dass die per Gesetz vorgeschriebene Barrierefreiheit in Aspern oft nicht einmal im Neubau gelungen ist". Zumal alle Supermärkte in der Seestadt barrierefrei sind und selbst eine kleine Bäckerei mit nur drei Tischen ein Behinderten-WC hat. "Da haben sogar wir uns gefragt, ob das noch wirtschaftlich ist."

Die zuständige Stadtbaudirektion erklärt dazu in einem E-Mail, man habe mit den betroffenen Lokalbetreibern gesprochen, diese "stehen einem konstruktiven Austausch positiv gegenüber". Auf diesen hofft auch Ladstätter. Denn andernfalls sähe er gute Chancen auf dem Klagsweg: "Wir können zwar laut Gesetz nicht auf Beseitigung der Barriere klagen, aber auf Schadenersatz - das kann jeder tun und auch öfter. Und das würde dann natürlich auch einen medialen Wirbel machen und wäre imagemäßig ein Wahnsinn für die Verantwortlichen."