Wien. Alexander Karakas kennt sie alle. Den jungen Tschetschenen, der sich für den Kampf und das Töten begeistern kann, den Syrer, der seine Abenteuerlust ausleben will, und die irakischen Migranten, die die Salafisten verehren.

Alle diese Jugendlichen eint, dass sie sich aktiv für den Kampfsport interessieren und leicht beeinflussbar sind. "Sie brauchen Idole und Vorbilder, die sie durchs Leben führen, daher haben wir uns bei unserem Deradikalisierungs-Projekt gedacht, dass wir genau hier ansetzen und einen wichtigen Einfluss auf die Männer ausüben, damit sie nicht dem Islamischen Staat verfallen", sagt der Wiener Start-up-Gründer und Politikwissenschafter, der selbst gläubiger Christ mit türkischen Wurzeln ist, aber viele muslimische Freunde hat.

"Die Szene ist auch in Österreich viel tiefschichtiger und fundierter, als viele wahrhaben wollen. Nur, weil bei uns noch nichts passiert ist, heißt das nicht, dass wir vor etwaigen terroristischen Anschlägen geschützt sind", ergänzt er.

"Hier muss man etwas tun, dachte ich, als ich in einem Kampftraining sah, dass die Jugendlichen dem Trainer aufs Wort gehorchen", unterstreicht er. Daraus resultierend gründete er mit Hilfe von Karim Mabrouk, selbst ein bekannter Thaiboxer in Österreich, das Projekt "Not in God’s Name" (Nicht in Gottes Namen).

Das Credo ist einfach: Bring den jungen Männern sehr klar bei, dass es sich beim IS nicht um die Abenteuerlust oder um Heldentaten handelt, sondern um barbarische Gräuelakte, daher Finger weg davon.

Kampfsportler als Idole

In der heutigen Zeit der sozialen Massenmedien eignete sich als Wegebner für das Projekt am besten Facebook. Dort wird versucht, (Kampf-)Sportler mit verschiedenen religiösen Bekenntnissen aus der ganzen Welt zu vereinen, um ein lautstarkes Zeichen gegen den Terror im Namen der Religion zu setzen. So soll die Euphorie, sich für terroristische Vereine wie den IS einzusetzen, eingebremst und auch die Gewaltbereitschaft im Alltag beseitigt werden. Eine nicht unerhebliche Rolle im Projekt spielt Foad Sadeghi, seinerseits amtierender Thaibox-Weltmeister der International Karate Sport Association und Inhaber des Kampfsportzentrums Tosan, dem Vereinssitz ist. Er zählt zum erlesenen Kreis von mehreren Profi-Sportlern, die sich in den Dienst der guten Sache stellen. Zuletzt konnte auch Mairbek Taisumov gewonnen werden. Der Tschetschene, der als Kind nach Österreich kam, ist ein weltbekannter Mixed Material Arts (MMA) - Superstar. Taisumov ist auch der einzige Kämpfer aus Österreich, der in der Ultimate Fighting Championship, der MMA-Königsklasse in den USA kämpft (die "Wiener Zeitung" berichtete). Das wiederum stärkt das Image des Kampfsportlers als Idol bei den Jugendlichen, die oft ein offenes Ohr für radikalisierende Strömungen haben: Dass der Dschihad-Hype seit zwei Jahren verstärkt auch ganz Mitteleuropa erreicht hat, ist allgemein bekannt. Die sunnitische Terrormiliz IS (vormals Isis/Isil) nutzt alle modernen Kommunikationsmittel, um vorwiegend junge Männer für den Kampf in Syrien, im Libanon, in Libyen und im Irak anzuwerben. Mehr als 4000 IS-Kämpfer aus Europa sollen laut Geheimdienst- und Medienberichten bereits rekrutiert worden sein, das österreichische Innenministerium bestätigte bereits im Jahr 2014, dass davon 130 aus Österreich kamen.

Die neue Generation der Dschihadisten hat sich vom alteingesessenen Bild der Männer mit arabischer Abstammung, die im Hinterhof ihre Terrorpläne schmieden, emanzipiert. Die Brutalität der IS-Milizen trage zu deren Popularität bei und ziehe weitere Kämpfer an. Auch in Österreich versucht die Terrorgruppe, junge Menschen "für das Kalifat" zu begeistern. In ihre Kreise hineinzukommen, ist fast unmöglich, denn sie halten sich vom "Mainstream" und von den Moscheen fern. Recherchen der "Wiener Zeitung" ergaben, dass beliebte Wiener Treffpunkte für Anwerbungen das "Moslemviertel in Zentral-Favoriten" (unter Insidern als "Mozefa" bekannt), die Donauinsel auf der Höhe Reichsbrücke, der Handelskai, die Jägerstraße und die Dresdnerstraße oder die Simmeringer Hauptstraße sind.

Belgien und USA interessiert

Viele Treffen finden bewusst abseits der islamischen Community statt. Einer der Jugendlichen, der sich eine IS-Veranstaltung angehört hat und nicht beim Namen genannt werden will, nennt die Kampfsportzentren für MMA, Kick- und Thaiboxen, Jiu Jitsu als Meeting-Point. Vor einigen Jahren waren das einfach nur Sportarten, jetzt beschäftigen sich Verfassungsschutz und Sozialpädagogen mit der Szene. Denn auffällig oft gingen junge Männer in den Dschihad nach Syrien, die sich beim Kickboxen oder bei MMA kennengelernt hatten. Karakas gibt auch zu bedenken, dass muslimische Prediger die Jugendlichen zu Kampfsporttrainings in den Wald locken, um dort für radikale Ideen zu werben. Daher sei das Projekt um so wichtiger.

Karakas Projekt findet übrigens auch im Ausland viel Beachtung. Erst in dieser Woche reiste er mit seinem Team auf Einladung der belgischen Botschaft in Österreich nach Brüssel und nach Gent, um das Projekt dort vor den jeweiligen Stadtverwaltungen im Rathaus vorzustellen. Laut den Initiatoren wurde die Idee mit Begeisterung aufgenommen, sodass Ableger des Projekts demnächst auch in Belgien realisiert werden sollen. Die US-Botschaft wiederum hat Not in God’s Name wiederum für ein Anti-Radikalisierungsprojekt des U. S. Department of State gemeinsam mit Facebook vorgeschlagen. Die Botschaft hat auch eine Verbindung zur renommierten Deradikalisierungsexpertin Anne Speckhard hergestellt, die für ein Projekt fast 500 IS-Rückkehrer interviewt hat und nun Not in God’s Name unterstützen will. Der Plan sei es, Videos zu drehen, in denen die Sportler sagen, warum der IS schlecht sei.

Abgesehen vom Kampfsportzentrum will das Projekt die Jugendlichen auch mit Street Work erreichen. "Wir gehen bewusst in die Szene, etwa in Schischa-Bars und Lounges, um einen besseren Zugang zu den Jugendlichen zu bekommen", erklärt Karakas.

Ein wenig enttäuscht sind die Projektmacher vom Integrationministerium, der Polizei und der Stadt Wien. "Es heißt immer, wir halten Sie auf dem Laufenden und wir prüfen noch, aber so ein wichtiges Projekt wurde in den vergangenen Monaten mit keinem einzigen Cent gefördert", wundert sich Karakas. Die Frage sei, ob Österreich bereit ist, muslimische Sportler, die sich für Deradikalisierung einsetzen, finanziell und personell zu unterstützen", ergänzt er. Interesse bekundet hingegen das Justizministerium. Dort sollen Karakas und sein Team demnächst vorsprechen und eine etwaige Kooperation in österreichischen Gefängnissen sondieren. "Damit das ganze Projekt funktioniert, müssen aber alle Beteiligten, sprich also auch die Imame und die Psychologen, die Vorbilder und die Trainer, einbezogen werden", sagt Karakas.