Wien. Langsam färbt sich der Boden neben seinen Füßen weiß. In seiner Hand hält Golif eine Art lange Pistole, deren feine Luftdüsen die Farbe auf den Beton des ehemaligen Schlachthofgeländes in Neu Marx sprühen. Eine kahle Brachfläche, in der sich vereinzelt Unkraut an die Oberfläche gekämpft hat. Wenn die Sonne im Zenit steht, leuchtet der weiß bemalte Boden so grell wie eine Salzwüste. Schatten sucht man in der flirrenden Hitze vergeblich. Ein unwirtlicher Ort zwischen dem Stadtwerke-Wien-Tower, Baukränen, der ehemaligen Rinderhalle und der Tangente, deren gedämpfter Verkehrslärm eine ununterbrochene Geräuschkulisse bildet.

Für Golif hingegen die perfekte Lage, um sein neues Projekt umzusetzen. Denn der junge Tiroler Künstler (geb. 1984), der nur unter seinem Pseudonym auftritt, platziert mitten im dritten Gemeindebezirk ein gigantisches Land Art. Auf einer Fläche so groß wie vier Fußballfelder – rund 28.000 Quadratmetern – entsteht ein monumentales Gesicht, dessen Physiognomie an minimalistische Schwarzweiß-Comics erinnert.

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Golif steht mitten darin – oder darauf, je nach Betrachtungsweise. Denn die Dimensionen des Kunstwerks, also wo sich Nase, Stirn oder Haare befinden, lassen sich aus der Nähe nur erahnen. "Es fühlt sich wie surreales Land aus schwarz und weiß an, total abstrakt", sagt Golif zur Wiener Zeitung. Man sieht zwar die Grenzen von schwarzem und weißem Untergrund, doch dem Betrachter ist es nicht möglich, die Arbeit als Ganzes zu erfassen. Dahinter liegt die Intention, dass es primär gar nicht um die Arbeit an sich geht, sondern vielmehr um den Beobachter. Erst aus der Distanz ergibt sich das Ganze.

Alltagsszenen als Comic

"Ich will die Wahrnehmung im öffentlichen Raum schärfen", so Golif, der seine Figuren sonst in viel kleinerer Form auf Spinde, Garagentüren oder auf Pappkarton bannt. Selbst seine jüngste Arbeit "Stop Motion", ein gewaltiges Comic aus fünf Szenen, das er auf 720 Quadratmeter Wand einer leer stehenden Lagerhalle malte, wirkt im Vergleich zu dem hier lächerlich klein.

Als Vorlage dienen ihm Szenen von Menschen im Alltag. Skizzen, die er mit schnellem Strich anfertigt und die die verschiedensten Facetten der Wiener Bevölkerung beinhalten. "Es geht mir um den einen Moment, in dem die Gesichter einen bestimmten Ausdruck haben", so Golif, der ursprünglich Vergolder und Schildermaler gelernt hat. Oft haftet seinen Bildern auch etwas Düsteres, leicht Morbides an. Eine politische Botschaft verfolgt Golif hingegen nicht: ‚Der Beobachter‘ ist keine Kritik an Überwachung, das hat nichts mit dem gläsernen Menschen zu tun."

Bei seinen Interventionen in das urbane Stadtbild sind möglichst große Arbeiten aber nicht sein erstes Anliegen. "Der Austausch zwischen Stadtbevölkerung und Sujet bzw. Künstler steht im Fokus". Behutsam schreitet Golif über die Fläche und verwandelt mit dem sogenannten "Airlessgerät", das für gewöhnlich zum Malen von Fassaden oder zum Anbringen von Spachtelmasse verwendet wird, den Beton in ein Kunstwerk. Ein paar Schritte weiter endet der Schlauch der Düse in einem Container. Darin: Umweltfreundliche Spezialfarbe ohne Pestizide und Konservierungsmittel, damit der Boden nicht kontaminiert wird. Einen Monat dauerte es, die vier Tonnen speziell für Golif gemischte Farbe mit dem Sprühgerät zu verteilen. 350 Kilometer hat er dabei zurückgelegt.

Quietschende Reifen zerschneiden das monotone Rauschen der Autobahn. Ein gepanzertes Auto rast über den Platz, einem Kleinbus mit geöffnetem Kofferraum, aus dem gefilmt wird, hinterher. Szenen wie aus dem Endzeit-Streifen Mad Max. Tatsächlich wird auch ein Video gedreht, es wird Teil der monumentalen Arbeit sein. Das Motto ist Transhumanismus: "Ich baue mir selber meine Maschinen, mit denen es mir möglich ist, den Platz zu bemalen", so der Künstler.

Auch wenn seine Arbeiten stark an Street oder Urban Art erinnern, will sich Golif nicht in diese Schublade stecken lassen. "Ich sehe mich eher als klassischen Künstler, denn meine Arbeiten gehen vom skulpturalen Bereich über Zeichnungen bis hin zu Druckgrafik." Dass er vor seinem Studium an der Universität für Angewandte Kunst viel auf Baustellen und als Fassadenmaler gearbeitet hat, kommt ihm bei Projekten dieser Größe zugute.

Temporäre Intervention

Seine urbane Intervention wird allerdings nur temporär Bestand haben. Das Grundstück Neu Marx gehört der Wiener Standortentwicklung GmbH (WSE), einer Tochter der Wien Holding. Derzeit läuft ein städtebaulicher Dialog, Anfang 2017 soll das Widmungsverfahren beginnen. Ein Mix aus Wohnen und Arbeit sei geplant, heißt es vonseiten der WSE. "Das ist ein sehr großes Grundstück und nicht unproblematisch wegen der Tangente", sagt Mario Scalet von der WSE. Vor 2018 werde voraussichtlich nicht gebaut, bis dahin wird das Mega-Areal unter anderem von der TU Wien zwischengenutzt.
Zwei bis drei Jahre wird "Der Beobachter" in den Himmel Wiens schauen – bis die Farbe wieder abplatzt und der Betonboden wieder braun wird.