Wien. "Ihre Uhr wäre jetzt fertig. Jetzt müssen wir uns noch das Lederband aussuchen", sagt Walter Horak zu einer Kundin. Der Unternehmer und Uhrmachermeister wusste schon immer, dass man mehr machen muss, als nur in seinem Geschäft zu stehen. Nicht umsonst war er auch jahrelang in der Bezirkspolitik aktiv. "Man muss raus auf die Straße. Eine Zeit lang haben wir sogar unsere Vitrinen hinausgestellt", erzählt der Wiener, der seit mehr als 40 Jahren sein Geschäft in der Neubaugasse betreibt.

Horak hat mitangesehen, wie die Gehsteige in seiner Gasse in den 1990er Jahren verbreitert und Zonen verkehrsberuhigt wurden. Und er hat miterlebt, wie die Handys aufkamen und die Menschen immer weniger seine Uhren kauften. Das machte ihm aber nichts aus. Er spezialisierte sich auf Second-Hand-Schmuck und er repariert heute alte Uhren.

So wie Horak versuchen viele Unternehmer, über die Runden zu kommen und dem modernen Zeitgeist zu trotzen. Die Konsumenten von heute bestellen ihre Waren online. Der Elektrofachhandel hat es als Erster gespürt, längst sind alle Branchen betroffen. Sogenannte Concept-Stores schießen aus dem Boden, um dem Offline-Käufer mehr zu bieten als das bloße Einkaufen. Trinken Sie noch einen Kaffee bei uns, setzen Sie sich auf die gemütliche Couch, heißt es dann. Auch die 75 Wiener Einkaufsstraßen-Vereine werben mit dem "persönlichen Erlebnis". Mit dem Logo Wiener Einkaufsglück werden Familienfeste, Fotowettbewerbe oder Bauernmärkte angeboten.

Vor 24 Jahren im Kampf
gegen die Shopping City Süd

Vor 24 Jahren haben sich die Wiener Einkaufsstraßen zusammengetan, um sich zu überlegen, wie man den Kaufabfluss aus der Stadt etwa durch die Shopping City Süd in Vösendorf verhindern könnte. Mehr als 70 Einkaufsstraßen-Vereine sind so entstanden, die seitdem eine oder mehrere Einkaufsstraßen vertreten. Die daraus entstandenen Aktionen hätten die jeweiligen Grätzeln belebt. "Manches ist gut gegangen, manches auch nicht", blickt Erwin Pellet vom Wiener Einkaufsstraßen-Management zurück.

Der Obmann des Landesgremiums Elektro- und Einrichtungsfachhandels ist Schnittstelle zwischen Wirtschaftskammer Wien und den Unternehmern und weiß um deren Probleme bescheid. Mit dem Online-Handel habe man sich aber bereits arrangiert, sagt er. "Die Menschen wollen nach wie vor die Sachen in die Hand nehmen." Daher würden die Geschäfte jetzt vermehrt auf Paketdienste setzen. "Kauf ein und wir bringen es dir nach Hause" sei stark im Kommen, sagt Pellet. Auch aus der Tatsache heraus, dass immer weniger junge Menschen ein Auto haben würden.

"Kurze Wege hast du nur, wenn auch die Einkaufsstraßen funktionieren", sagt Pellet zur "Wiener Zeitung". Es brauche viele lebendige Einkaufsstraßen. "Wenn es am Allerheiligenplatz im 20. Bezirk nett ausschaut, dann ist das nur, weil die Unternehmer schauen, dass alles geputzt ist", sagt Pellet. "Die Vereine funktionieren nur durch die Menschen, die ehrenamtlich für ihre Straße arbeiten und die Geld hergeben, um die Straße zu verschönern." So wird laut Pellet die Weihnachtsbeleuchtung in den Einkaufsstraßen von den jeweiligen Geschäftsleuten selbst bezahlt.

Damit die Mühe auch sichtbar wird, hat die Wiener Wirtschaftskammer den Award "Emma" eingeführt. Die Westbahnstraße, Kaiserstraße und Neubaugasse (zusammen: im7ten.com) sind dabei bereits eingeschworene Gewinner. So bekam heuer der 7er-Hocker der Westbahnstraße den 1. Preis in der Kategorie Innovative Idee. Die Interessensgemeinschaft Unternehmer Kaiserstraße erhielt mit einem speziellen 7er-Geschenkpapier den 1. Platz in der Kategorie verkaufsfördernde Maßnahme. Und die IG Kaufleute Reindorfgasse machten den 1. Platz in der Kategorie themenbezogenes Event. Sie veranstalteten eine Summer Lounge Caribic-Night. "Wenn dort nicht ein Verein wäre, wo sich Menschen bemühen, wäre die Straße tot", sagt Pellet.

Uhrmachermeister Horak ist stolz auf die beschrifteten weißen Bänke, die auf den Gehsteigen, so auch vor seinem Geschäft, aufgestellt wurden, "und auf die neuen hängenden weißen Kugeln", deutet er in die Luft. Die Neubaugasse sei Wiens erste Einkaufsstraße gewesen, so Horak. Das größte Highlight des Vereins IG Neubaugasse ist aber der jährliche Flohmarkt (30. September und 1. Oktober), zu dem 200.000 Menschen in die Gasse strömen. Neubaugassen-Vereinsobmann Karl Hintermayer sieht diesem bereits gelassen entgegen. "Er kostet uns Geschäftsleuten zwar viel Geld, aber er ist toll", so Hintermayer, Besitzer der gleichnamigen Buchhandlung. Seit 1962 ist das Unternehmen ein Familienbetrieb. Hintermayer hat schon einige Filialen in Wien zusperren müssen.

Seit fünf Jahren sei es wieder schwieriger geworden, sagt Hintermayer. Der Kauf im Internet mache dem Einzelhandel schwer zu schaffen. "Wir versuchen, die Straße wohnlich einzurichten mit unseren Bankerln und Liegestühlen. Unsere Stärke ist, dass wir immer persönlich im Geschäft stehen und uns die kleinen Sorgen der Kunden anhören." Das könne einem kein Computer bieten. "Die persönliche Ansprache ist das, was uns am Leben hält."