Homosexuelle werden sehr oft zu Opfern von Gewalt. - © afp/F. J. Brown
Homosexuelle werden sehr oft zu Opfern von Gewalt. - © afp/F. J. Brown

Wien. "Diesen Abend werden wir nie vergessen. Ich muss zittern, wenn ich darüber sprechen soll", sagt Manuel L. (Name geändert und der Redaktion bekannt, Anmerkung). Er kann immer noch nicht fassen, dass er selbst Opfer einer homophoben Gewalttat geworden ist.

Diese Woche gingen der 18-jährige Niederösterreicher und sein 19-jähriger Freund, die beide anonym bleiben wollen, unweit der Albertina Händchen haltend spazieren und wurden von vier jungen Österreichern zuerst angepöbelt, dann getreten und schließlich beschimpft. "Euch Scheiß-Schwuchteln hätte Mauthausen gutgetan", schrie einer der Täter.

"Wir sind heulend am Boden gesessen und haben uns minutenlang umarmt", erzählt Manuel. Der ganze Vorfall ereignete sich in weniger als 50 Sekunden und die Täter flüchteten. Die beiden Opfer wurden glücklicherweise nicht verletzt. "Es war dunkel, und leider gab es keine Zeugen. Wir haben keine Anzeige erstattet, da unsere Eltern nicht wissen, dass wir schwul sind, und es uns zudem peinlich war", sagt der andere der beiden Betroffenen.

Leider ist dies kein Einzelfall. Homophobe Gewaltakte häufen sich in letzter Zeit in Wien. Anfang Dezember küssten sich in Wien zwei junge Männer in der Öffentlichkeit und wurden dafür von Unbekannten verprügelt. Ein Faustschlag ins Gesicht und weg waren die Täter. Die Opfer sind enge Freunde des Bundesratspräsidenten Mario Lindner, der den Vorfall öffentlich auf Facebook thematisierte.

"Wir dürfen nie wieder wegschauen"

"Ich hab mich immer gegen Gewalt, egal wo sie passiert, ausgesprochen. Wenn einem ganz lieben Freund heute Nacht die Fresse poliert wurde, nur weil er einen Mann geküsst hat, dann hört sich für mich jeglicher Spaß auf", schrieb er. "Ich will ein friedliches Land, ein gewaltfreies Land, ein Land, in dem sich gegenseitig geholfen und Solidarität gezeigt wird", ergänzte er und beendete den Eintrag mit den Worten "Und ja, ich poste das ganz bewusst als Präsident des österreichischen Bundesrates." Zum Posting stellte er ein Foto (siehe rechts), das ihn selbst beim Küssen eines Mannes zeigt. Seit 1. Juli ist Lindner, der der SPÖ angehört, gemäß dem Rotationsprinzip Präsident des Bundesrates und macht sich als solcher vor allem für mehr Zivilcourage stark.

"Wir dürfen nie wieder wegschauen. Wir brauchen in diesem Land Menschen, die bewusst hinschauen, wenn etwas passiert, und helfen", sagt Lindner im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Gewalt könne und dürfe nie die Lösung sein. Der jüngste Vorfall vom Mittwoch macht Lindner grantig und traurig. "Hier muss es ein Umdenken geben. Wir müssen uns wirklich überlegen, ob es als Alternative - oder zumindest auch als Ergänzung zur Meldung bei der Polizei -nicht eine niederschwelligere Möglichkeit geben muss, wo man anonym sein Leid klagen kann", sagt er. Er selbst hat für die Betroffenen immer ein offenes Ohr. "Viele schreiben mir und ich mache ihnen Mut", so der Bundesratspräsident.

Den Schwulen rät er, sich ja nicht zu verstecken und so zu leben, wie sie sind.

"Bitte weiterküssen. Der größte Fehler wäre es, wenn wir uns jetzt alle einsperren und Angst haben oder uns einschüchtern lassen", so der Politiker.

Als schwul geoutet hatte sich der 34-jährige Politiker selbst übrigens bereits vor seinem Amtsantritt bei der Regenbogenparade im Frühjahr. "Ich werde in einigen Tagen zum Präsidenten des Bundesrats ernannt und ich bin schwul", sagte er damals.

Der Eintrag und das Kussfoto Lindners schlugen europaweit hohe Wellen, mehrere Medien berichteten. Die Reaktionen seien aber sowohl im Internet als auch persönlich durchaus positiv gewesen, erzählt er.

"Die einen haben mir gesagt, es ist super, dass ich das gemacht habe, und man Menschen wie mich braucht, die anderen meinten: ‚Wow, du traust dich aber etwas und predigst Zivilcourage nicht nur, sondern lebst sie‘", sagt Lindner.



Gewalt im öffentlichen Raum scheint aber nicht nur in Wien, sondern europaweit verstärkt aufzutreten. In Berlin etwa gab es Ende Oktober nachts in der U-Bahn einen ähnlich schwerwiegenden Vorfall: Eine junge Frau geht die Treppen zum Bahnsteig hinunter. Hinter ihr eine Gruppe von Männern, die sie verfolgt. Einer schert aus und tritt dem ahnungslosen Opfer von hinten in den Rücken. Das Opfer fällt die Stufen hinunter. Dann verschwinden die Täter und lassen die Frau verletzt zurück. Die Überwachungskamera filmt mit. Der Haupttäter bleibt noch stehen, um den Aufprall der Frau zu sehen. Fälle wie diesen gibt es europaweit en masse. In Paris wurden vor knapp zehn Tagen zwei Schwule vor einer Sauna niedergeschlagen, in den Niederlanden ein junger schwuler Iraner von einem Marokkaner auf offener Straße brutal misshandelt und verprügelt.

Lunacek fordert gemeinsame Initiative

Ulrike Lunacek (Die Grünen), Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und selbst homosexuell, sieht dringend Handlungsbedarf. "Spätestens seit dem sprunghaften Anstieg von Gewalttaten, u.a. gegen ethnische und sexuelle Minderheiten nach der Brexit-Votum in Großbritannien und dem Anstieg verhetzender Sprache in sozialen Medien, haben wir gesehen, dass zwischen aggressiv geführten Wahlkampagnen und körperlicher Gewalt ein direkter Zusammenhang besteht", sagt die Politikerin im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".