Wien. Emil fährt heuer das erste Mal mit dem Karussell am Wiener Christkindlmarkt. Während seine kleine Schwester zielsicher das weiße Streitross wählt, macht es sich Emil auf dem Hahn gemütlich. Das Karussell setzt sich in Bewegung. Emil blickt enttäuscht, sein Hahn bewegt sich nicht auf und ab. Seine Jammerlaute werden vom beginnenden "Last Christmas" übertönt. Emils Mutter wird nervös. Mit dem iPad vorm Gesicht, versucht sie dem Kleinen doch noch die leuchtenden Kinderaugen abzuringen "Schau Emil, schau wie schön alles leuchtet."

Wäre Adventzauber in Lichterketten pro Quadratmeter zu messen, dann wäre der Wiener Christkindlmarkt ein Ort voller Magie. In diesem speziellen Fall gelten jedoch die gleichen Regeln wie bei einem Nahtod-Erlebnis: Niemals dem Licht hinein folgen. Als integraler Bestandteil des vorweihnachtlichen Städtebildes entfaltet der Wiener Christkindlmarkt noch bis 26. Dezember sein Potenzial vorrangig beim Vorbeifahren. Wer den Markt doch betritt, steht einer Auswahl von 149 Ständen und sechs Notausgängen gegenüber. Die Vielfalt des Marktes deckt hierbei von den Klassikern wie Maroni- und Punschständen auch allerlei anderes ab. So können chinesische Qualitätsuhren neben taiwanischen Pikachus erworben werden. Die sonstige Internationalität des Marktes zeigt sich auch an einigen Standbetreibern, die in guter alter Sirenen-Manier mit ihrem Gesang "Today only five Euros!" versuchen, einzelne Kaufwütige aus dem Punschstrom zu reißen.

Glatteis
statt Herzerl


Wer am Versuch, durch den Markt zu schlendern, kläglich gescheitert ist, kann zur Erholung den Rathauspark Schlittschuh laufend erkunden. Hier stellt sich beim permanenten Umrunden einer überdimensionalen Schneekugel eine Art innere Ruhe ein. Im Gegensatz zum Markt ist hier eine gewisse Schwarmintelligenz durch klare Richtungs- und Vorrangregeln erkennbar. Kommt es doch zu Schieberein, lässt sich auf Kufen deutlich besser schubsen als mit Fellschuhen und Punschtasse in der Hand.

Die Eislauffläche gehört zu den heurigen Veränderungen des Wiener Christkindlmarktes. Grund dafür ist eine neue Agentur, die sich für die Gestaltung des Weihnachtsmarktes verantwortlich zeigt. In den vergangenen 30 Jahren wurde diese Aufgabe von dem privaten Unternehmen Kreitner und Partner besorgt, dieses Jahr wurde das Konzept vom stadteigenen Unternehmen Wien Marketing erarbeitet. Neben der Veränderung des Namens - vom "Wiener Adventzauber am Rathausplatz" zum "Wiener Weihnachtstraum am Christkindlmarkt" - stößt besonders das heurige Fehlen des Herzerlbaumes auf Unmut unter den Wienern, der sich vor allem in einer eigenen Facebookgruppe Luft macht und einer Petition mit dem Titel "Rettet den Herzerlbaum". So hat der Wiener Christkindlmarkt dieses Jahr ohne leuchtenden Schneemännern, Zuckerstangen und Herzen auszukommen. Die Problematik der Beibehaltung des Baumschmucks liegt in einer Urheberrechtsklage der Agentur Kreitner und Partner gegen die Stadt Wien, die damit die Übernahme ihres durch die Jahre entwickelten Konzeptes verhindern wollen. Solange dieser Streit nicht beigelegt ist, muss das Punschtrinkende Pärchenvolk ein anderes Motiv für ihre Liebe finden.