Wien. Heute, Freitag, Abend öffnen Wiens Gotteshäuser im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen zum 13. Mal von 18 Uhr bis 1 Uhr nachts ihre Tore. Von den 3000 bundesweiten Veranstaltungen finden allein 1000 in Wien statt, die von knapp 170 Pfarren ausgerichtet werden. Die heurige Ausgabe steht ganz im Zeichen der Reformationsbewegung, die ihr 500-jähriges Jubiläum feiert.

1517 hat Martin Luther seine 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Oder auch nicht. Der Thesenanschlag ist zwar historisch umstritten, die Geburt der Reformationsbewegung jedoch nicht. Dass Luthers Schriften bereits vor einem halben Jahrtausend unter anderem heftige Auseinandersetzungen hervorriefen, spiegelt sich auch im diesjährigen Programm wider, das man heuer auch als Lange Nacht der Diskussionen bezeichnen könnte. Neben den gewohnten Programmpunkten wie Gottesdiensten, Führungen, Lesekreisen und Musikveranstaltungen findet eine Vielzahl an konfessionsübergreifenden Gesprächen statt. Dieses "Diskutieren über Gott und die Welt" sei ein Ziel der Veranstaltungsreihe, erklärt Georg Radlmair vom katholischen Bildungswerk Wien.

Schweigemarsch als Start


Eingeläutet wird die Lange Nacht der Kirchen mit einem Schweigemarsch. Der Verein CSI (Christian Solidarity International) Österreich organisiert den Zug, um auf Christenverfolgungen in aller Welt aufmerksam zu machen. Der Marsch startet um 16 Uhr am Stephansdom Richtung Augustinerkirche. Dort wird die Lange Nacht der Kirchen dann mit einem ökumenischen Gebet unter der Leitung Kardinal Christoph Schönborns begonnen.

Die von Luther als Diskussionsgrundlage angelegten Thesen verbreiteten sich mittels Buchdrucks weiter, es kam zum Ketzerprozess und Kirchenbann gegen den Theologen. 500 Jahre später verbreiten sich "Alternative Fakten" Falschmeldungen, Hasspostings, Diffamierungen und Shitstorms gegen bestimmte Personen oder Gruppen in sozialen Medien oft wie ein Lauffeuer. "Ein Shitstorm hat natürlich andere Konsequenzen als die Reaktion einer etablierten Institution mit damals auch weltlicher Macht. Zudem hätte Luther es heute viel schwerer, sich etwa auf Facebook durchzusetzen", erklärt Medienpsychologe Jürgen Grimm der "Wiener Zeitung". Gemeinsam mit Rechtsextremismusforscher Andreas Peham, Theologieprofessorin Regina Polak und "Falter"-Chefredakteur Florian Klenk diskutiert der Wissenschafter in der Pfarre Mariahilf in der Barnabitengasse ab 20 Uhr über die gesellschaftliche Bedeutung und Folgen dieser Kommunikationsentwicklung.