Quer durch alle Bezirke fährt die Fahrradbotin Clara Felis aka "Orca" jeden Tag. - © Peter Provaznik
Quer durch alle Bezirke fährt die Fahrradbotin Clara Felis aka "Orca" jeden Tag. - © Peter Provaznik

Wien. 2017 ist ein besonderes europäisches Jahr: Einerseits wird in diesem Sommer die Frauenfußball-Europameisterschaft in den Niederlanden ausgetragen, bei der die österreichischen Fußballerinnen erstmals in der Endrunde mitspielen. Andererseits findet im 3. Wiener Gemeindebezirk, auf der freien Fläche in St. Marx, vom 20. bis 23. Juli bereits die 22. Europäische Meisterschaft der Fahrradboten statt.

Jedes Jahr organisiert eine andere Stadt die Meisterschaft der Fahrradboten. Je nach Stadt gibt es auch mehr oder weniger unterschiedlich große öffentliche Unterstützung. So fand diese Veranstaltung voriges Jahr in Kopenhagen statt, die auch von der Stadt selbst gut unterstützt wurde. Dieses Jahr vernetzen sich die FahrradbotInnen europaweit in Wien. Auch wenn der Ausbau der Fahrradwege und das Fahrradfahren in Wien mehr an Bedeutung gewinnt und auch von der Stadt unterstützt wird, so ist es in der Stadt Wien immer noch schwieriger als in Kopenhagen, die öffentliche finanzielle Förderung und genügend freien Raum zu bekommen.

Im Jahr 1996 hat das europäische Treffen der Fahrradboten zum ersten Mal stattgefunden. Jede Stadt, die Austragungsort dieser Veranstaltung European Cycle Messenger Championship, auf Deutsch übersetzt: Europäische Fahrradbotenmeisterschaft, ist, stellt die Rahmenbedingungen dafür autonom auf. Die einzelnen TeilnehmerInnen melden sich aus jeder europäischen Stadt, die den Dienst der Fahrradboten anbieten, persönlich an. Messengers For Good heißt der firmenübergreifende Verein, der die Kultur der Fahrradboten fördert und auch diese Meisterschaften organisiert. Bereits im Jahr 1995 gab es die erste Fahrradkurier-Meisterschaft in Münster als Reaktion auf die euphorische Begeisterung in Berlin 1993 und London 1994, wo die ersten Fahrradkurier-Weltmeisterschaften stattfanden. Im Jahr 1996 hätte die zweite deutsche Meisterschaft der Fahrradkuriere in Hamburg stattfinden sollen. Aufgrund der zahlreichen Anmeldungen vor allem niederländischer und dänischer Kuriere entwickelte sich daraus die erste europäische Fahrradkurier-Meisterschaft.

"Der Wettkampf ist ein Mittel zum Zweck, um auch ein Fest miteinander zu machen und mehrmals im Jahr zusammenzukommen", sagt Clara Felis. Seit sechs Jahren arbeitet die Mittdreißigerin als Fahrradbotin. Clara Felis hat bereits 2015 in Mailand und 2016 in Kopenhagen die europäische Meisterschaft gewonnen. In diesem Jahr, nimmt sie in Wien nicht teil, da sie im Organisationsteam mitarbeitet und für den Parcours und das Rennen der Fahrradboten verantwortlich ist.

"Beim Treffen der europäischen Meisterschaft gibt es einen abgeschlossenen Parcours mit bis zu zehn verschiedenen Checkpoints", sagt sie. Für alle gilt der gleiche Parcours, bei dem Manifeste, also sogenannte Auftragsblätter, ausgefüllt werden. Infolge wird entweder die Zeit gemessen oder nach den unterschiedlichen Jobaufträgen, die von den Frauen und Männern zu erledigen sind, bewertet, sagt Felis. Für sie sei das Ziel der Veranstaltung vor allem sich miteinander zu vernetzen, auszutauschen und ein gemeinsames Fest zu erleben.

Deutlicher
Männerüberhang


Felis hat neben ihrem Studium und während ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin in zwei Jahren Bildungskarenz mit den Botenfahrten angefangen. Seit 2015 ist sie hauptberuflich als Fahrradbotin tätig und kann inzwischen auch gut davon leben. Vier Tage in der Woche fährt sie für den Fahrradbotendienst Hermes. An den anderen ein bis zwei Tagen in der Woche arbeitet sie in einer Buchhandlung im 2. Bezirk. "Das ist eine schöne berufliche Mischung, einerseits draußen auf der Straße sich mit dem Fahrrad körperlich bewegen, andererseits geistig beim Austauschen von Kultur- und Literatur auch innerlich in Bewegung zu sein", sagt die Fahrradbotin.

Die Idee, als Fahrradbotin hauptberuflich zu arbeiten, hatte sie aus ihrem persönlichen befreundeten Umfeld aufgenommen und verwirklicht. "Das ist so cool, draußen zu arbeiten. Ich erlebe dabei ein echtes Gefühl der Freiheit bei der Arbeit", sagt sie. Dennoch gibt sie zu, dass es durchaus auch anstrengend sei. Aber sie möge diese Anstrengung, und letztlich sei jeder beruflicher Job in gewisser Weise anstrengend.

Wenn sie ein schönes Gefühl für den Straßenverkehr habe und dabei gut mitfließen kann, dann öffnen sich auch ihre Sinne, und das erlebe sie in ihren bisher sechs Jahren als bestes Ereignis als Fahrradbotin.

Bei Hermes-Radboten, ein Fahrradboten-Unternehmen, das seit 25 Jahren als Kollektiv geführt wird, wo sie als freie Dienstnehmerin arbeitet, sei es großartig, was das vorhandene Geschlechterverhältnis betrifft: Dort gibt es eine 50 Prozent Männerquote, das auch einen wesentlich höheren Frauenanteil ermöglicht, verglichen mit anderen Fahrradboten-Unternehmen. Dennoch seien leider bei den Veranstaltungen laut dem Stand der Anmeldungen etwa 80 zu 20 Prozent Männerüberhang.

Inzwischen gibt es in Wien schon mehr als zehn Unternehmen, die mit FahrradbotInnen ihre Dienste anbieten. Hermes bezahlt die Fahrradboten als freie Dienstnehmer auf Stundenbasis. Dazu sagt Felis, sie fahre auch lieber in einem Team auf Basis eines Stundenlohns, mit dem sie gut leben kann, als dort, wo die Aufträge ungleich aufgeteilt werden und nur ein bis zwei einzelne Boten sehr gut mit ihren Aufträgen verdienen. Im Team fahren bedeutet, wenn ein Fahrer einen Fahrtendienst beispielsweise vom siebzehnten in den 3. Bezirk und eine andere vom 15. in den 3. Bezirk unternimmt. Die beiden Boten treffen sich dann mit ihrem Fahrrad in der Mitte ihrer Fahrstrecke und nur eine der beiden fährt in den dritten Bezirk.