"Die evangelischen Kirchen müssten mehr entdecken, dass sie auch katholisch - im eigentlichen Wortsinn von "allumfassend" - sind", meint Bischof Michael Bünker. Foto: apa/Roland Schlager
"Die evangelischen Kirchen müssten mehr entdecken, dass sie auch katholisch - im eigentlichen Wortsinn von "allumfassend" - sind", meint Bischof Michael Bünker. Foto: apa/Roland Schlager

"Wiener Zeitung":Der katholische Erzbischof Christoph Schönborn residiert am Stephansplatz, Ihr Büro liegt im 18. Bezirk am Stadtrand im Grünen. Ist das symbolisch für die Situation der evangelischen Kirche in Wien?

Michael Bünker: (lacht) Naja, das ist historisch gewachsen. Die Wiener waren bis ins 17. Jahrhundert mehrheitlich evangelisch, in der Stadt hat es aber so gut wie keine evangelischen Gottesdienste gegeben. Die Protestanten sind in die Vorstädte ausgelaufen. Erst das Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. 1781 hat das geändert. Er hat der evangelischen Kirche ein säkularisiertes Kloster in der Dorotheergasse zur Verfügung gestellt. Als dort jemand ein Hassposting gegen die Evangelischen und gegen den Kaiser an die Tür genagelt hat, war die Reaktion des Kaisers eigentlich genial: Er hat es nachdrucken lassen und den Verkaufserlös den evangelischen Gemeinden zur Verfügung gestellt.

Sie sind jetzt seit zehn Jahren evangelischer Bischof in Österreich und Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Wie hat sich die Ökumene in dieser Zeit aus Ihrer Sicht entwickelt?

Die Ökumene speziell in Österreich ist ja unter sehr guten Voraussetzungen und mit sehr viel Elan gestartet und etabliert worden, besonders seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Das war ein wichtiger Türöffner und Impulsgeber. Das hängt auch mit den handelnden Personen zusammen, in erster Linie Kardinal Franz König und Metropolit Michael Staikos. Die Ökumene hat sich in Österreich sehr positiv und dynamisch entwickelt, bis in die frühen 2000er Jahre, wo das Ökumenische Sozialwort ein Höhepunkt war, das es so in anderen europäischen Ländern nicht gegeben hat.

Es hat dann aber auch Ernüchterungen im Miteinander gegeben, etwa im Zusammenhang mit "Dominus Jesus", dem Dokument der Glaubenskongregation, in dem den Evangelischen mitgeteilt wurde, sie wären nicht Kirche im eigentlichen Sinn des Wortes. Auch manche Äußerungen von evangelischer Seite haben dazu beigetragen, dass die Rede von Stillstand oder sogar Eiszeit oder Rückwärtsgang war. Die evangelisch-katholische Ökumene hat aber in zentralen Punkten wirklich erstaunliche Einigkeit gefunden, etwa bei der gemeinsamen Rechtfertigungslehre 1999 oder der gemeinsamen Darstellung der Reformationsgeschichte. Das setzt neue Maßstäbe. Und auch jetzt beim Reformationsjubiläum sind Dinge erstmalig in 500 Jahren Protestantismus passiert: Der Papst war in Lund und Stockholm, wir sind von der Katholischen Bischofskonferenz zu einer Klausurtagung eingeladen worden.

Hat das auch mit der Person von Papst Franziskus zu tun?

Das glaube ich schon. Nach dem deutschen Dogmatiker Benedikt XVI., der sehr auf die Lehrgrundlagen bedacht war, ist Franziskus ein charismatischer Öffner der eigenen Kirche und fragt eher nach unserem gemeinsamen Auftrag in einer zunehmend religionspluralen und säkularen Umgebung in Europa. Er spricht selber sehr oft von der versöhnten Verschiedenheit - diese Formulierung kommt eigentlich aus der evangelischen Tradition. Wir bereichern uns auch sonst gegenseitig. Die katholische Tradition hat wichtige Impulse ins evangelische kirchliche Leben gegeben, umgekehrt kommen die Hochschätzung der Bibel, Gottesdienste in der Volkssprache oder die Beteiligung der Mitglieder in der Kirche aus der evangelischen Tradition. Insofern sehe ich die ökumenische Entwicklung nüchtern positiv.

Die größten von außen sichtbaren Unterschiede sind Frauenpriestertum und Zölibat. Könnte die evangelische Kirche ohne Frauenpriestertum und mit Zölibat genauso gut funktionieren?

Nein. Und sie würde es auch gar nicht wollen, weil in beidem nach ihrer Überzeugung etwas von dem zum Ausdruck kommt, was die Kirche ausmacht: Die Ablehnung des Zölibats bedeutet, dass evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer nicht einen geistlichen Stand bilden, der sich - wie in der katholischen Tradition - durch eine eigene Weihe von den Gläubigen unterscheidet, sondern dass sie mit einer besonderen Berufung und Qualifikation ausgestattet, aber immer im Auftrag des gesamten Kirchenvolkes tätig sind und daher auch nicht andere Lebensbedingungen haben sollen.

Der Zölibat hat sich ja auch erst im Laufe der Zeit in der Kirche durchgesetzt und ist gar nicht so dogmatisch begründet. Und zum Thema Frauenordination hat Martin Luther gesagt: "Was aus der Taufe kriecht, mag sich rühmen, es sei zum Priester, Bischof, Papst geweihet." Das ist das allgemeine Priestertum aller Getauften, also auch der Frauen. Und auch wenn er es selbst noch nicht verwirklicht hat und vielleicht auch in seiner mittelalterlichen Welt noch nicht sehen konnte, ist damit die Gleichberechtigung der Frauen in allen kirchlichen Funktionen begründet.

Luther ist heute nicht ganz unumstritten, was manche Ansichten, etwa zu Judentum und Islam betrifft. Wie geht seine Kirche damit um?

Wir schätzen selbstverständlich seine großen Leistungen - man denke nur an die Bibelübersetzung, Bildungsreformen und manches andere, wo Luther ein Stück weit wirklich Neuland beschritten hat, das sich bis in die Gegenwart ausgewirkt hat. Dass er im mittelalterlichen Denken verhaftet war, sieht man an einem massiven Dämonen- und Teufelsglauben, den wir heute natürlich so nicht mehr teilen. Ebenso seine schrecklichen Äußerungen gegen Juden und seine Missdeutung des Islam - den Koran konnte er ja nur auszugsweise in einer lateinischen Übersetzung zur Kenntnis nehmen, das alles unter der Überschrift "Türkengefahr", schließlich stand das türkische Heer vor Wien. Wir haben als Kirche schon vor Jahren zu einigen seiner Äußerungen die starke Formulierung gefunden: "Wir verwerfen seine Ansichten." Luther ist für uns kein Heiliger. Aber er ist eine beeindruckende Persönlichkeit in einer Zeit des Umbruchs, die sehr viel geleistet hat und mir große Bewunderung abringt, vor allem seine Standhaftigkeit gegen die Obrigkeit auch unter Lebensgefahr. Und heute ist er die meistverbreitete Playmobil-Figur.