Wien. Gefühle müssen raus. Sie hinunterzuschlucken verursacht nur ein Magengeschwür. Davon ist Ruth Berka-Wintner überzeugt. Insbesondere, wenn es um ein bestimmtes Gefühl geht: die Wut. Es ist eine delikate Sache, sie zivilisiert zu kanalisieren. Der Rüpel tut es physisch. Der Feigling virtuell. Gewalt liegt Wintner nicht. Und bei Facebook ist sie nicht angemeldet. Ebenso wenig auf Twitter. Oder Instragram. Sie braucht keine sozialen Medien. Sie hat ihre Auslage. Auf fünf Meter stellt Ruth Berka-Wintner ihren Frust zur Schau. So altmodisch, dass es wieder modern ist. Auf buntem Papier und Filzstift schreibt sie in Blockstaben auf das Schaufenster ihres Second-Hand-Kindermodengeschäfts auf der Wallensteinstraße, was ihr auf die Nerven geht.

"Der Dame, die mir eine 100 Euro Jacke gestohlen hat, wünsche ich die juckendste Krätze, die es gibt, und zu kurze Arme zum Kratzen." Unterschrieben mit einem Smiley. Gleich daneben: "Liebe Kathie! Da ich schon fast 3 Jahre auf meine offenen 40 Euro warte, wünsche ich Ihnen das gleiche wie der Dame links. PS: Ich hoffe ihrem Dackel ,Chester‘ geht es gut."

Diese Offenheit kommt nicht gut an bei den Passanten. "Ich bin verschrien in der Gegend, weil die Leute sagen, dass ich doch nicht meine Kunden vernadern kann", sagt sie und schüttelt den Kopf. "Aber das ist mein Facebook", begründet sie ihr plakatives Mitteilungsbedürfnis.

Ausgerechnet die grünen "Öko-Fuzzis" feilschen

Seit 20 Jahren betreibt Berka-Wintner das Geschäft "Hänsl&Gretel" auf der Wallensteinstraße im 20. Bezirk nahe der U4-Station-Friedensbrücke. Auf 100 Quadratmeter verkauft sie dort Second-Hand-Mode, Spielsachen, Bücher und Schmuck. Günstig sind die Stücke, T-Shirts und Kinderhosen um einen Euro, Kuscheltiere ab 5 Euro, ein Öko-Holz-Dinosaurier für 7. Die edlen Stücke hat sie versteckt oder hoch oben hinter der Kassa aufgehängt, so wie den Armani-Strampler um 56 Euro. Sie muss aufpassen, sagt die 57-Jährige. "Die Leute sind nicht arm. Sie empfinden Lust dabei, wenn sie eine Verkäuferin gelegt haben", erklärt sie.

So wie die Dame, der sie die Krätze wünscht. Eine Jacke hatte sie von der Puppe genommen, ihre eigene abgelegt, sie anprobiert, ist im Geschäft auf und ab gegangen, bis ins hinterste Eck. Es war November vergangenen Jahres und es herrschte Hochbetrieb, daran erinnert sich Berka-Wintner noch genau. Plötzlich hatte es die Dame ganz eilig und ist raus gerannt. Weg war die Jacke. Und Berka-Wintner war allein mit ihrer Wut. Seither hängen ihre Zettel im Schaufenster.

Auch im Geschäft sind Schilder angebracht. Sie weisen darauf hin, was die Kunden dürfen und vor allem was nicht. Berka-Wintner ist es leid, sich permanent zu wiederholen. Rabatte gibt sie keine. Bei 5 Euro gibt es nichts mehr zu verhandeln. Die Feilschkultur ist ihr zuwider. Vor allem die "grünen Öko-Fuzzis" würden bei drei Stücken um 10 Euro oder 15 Euro immer wieder einen Nachlass erwarten. Sie greift sich an den Kopf. "Ausgerechnet die."

Und dann gebe es diejenigen, die auf Elite machen. "Alle geben entsetzlich an und tun so, als ob sie Millionen Euro auf der Seite hätten. Keiner gibt zu, dass er am Limit lebt. Das ist ein gesellschaftlicher Makel. Manche kommen rein und fragen, ob ich nicht etwas von Gucci habe. Und was kaufen sie dann? Ein versifftes Patscherl vom Hofer."

Kunden behandeln nicht
nur Ware wie Schrott


2300 Euro kostet die Miete für das Geschäftslokal. Mit den kleinen Beträgen kann sich die 57-Jährige kaum über Wasser halten. Das Internet habe das Geschäft zerstört. Vor allem die Online-Plattform "Willhaben", wo Leute ihre ausrangierten Sachen verkaufen. Dort würde sich die gute Ware befinden, ihr bleibt meistens nur noch der "Schrott", wie sie sagt.

Und das spiegelt sich auch im Verhalten der Kunden wider. "Schaut mal, die verkauft eh nur alten Schrott und wird auch wie alter Schrott behandelt", interpretiert Berka-Wintner. Sie mag es nicht, wenn die Ware schlechtgemacht wird. Das nimmt sie persönlich. Das geht ihr an die Nieren, sagt sie. Und so groß kann ihr Schaufenster gar nicht sein, für so viel Frust.

Ihre Nachbarn auf der Wallensteinstraße belächeln die wütende Dame von nebenan. Den öffentlich zur Schau gestellten Frust können sie nicht nachvollziehen. Irgendwie lächerlich. Irgendwie kindisch. Irgendwie beschämend. Aus den sozialen Medien kennen sie das zwar. Aber das sei doch etwas anderes. Das sei normal. Das mache jeder. Doch so in der Auslage? Im echten Leben? Konfrontation hautnah?

Nein, das ist zu viel der Öffentlichkeit.