Wien. Das erste Mal Zeitzeugen zu hören. Eine Erfahrung, die Laura Grader als besonders berührend und bereichernd bezeichnet. Die 19-Jährige besucht die Hertha-Firnberg-Schule in Wien und ist das vierte Mal Teil des internationalen Jugendprojektes "Relais de Mémoire Juniors - Die Erinnerung weitergeben".

Ein Projekt, in dem sich Delegationen aus zwölf Schulen und fünf Ländern zwei Mal jährlich treffen, um ein vollgepacktes Wochenende miteinander zu erleben: Wissenschaftliche Vorträge, viele Workshops, Besuche von Gedenkstätten, Zeitzeugengespräche und Diskussionen, in denen sich die Teilnehmer mit dem Nationalsozialismus, aber auch mit dem heutigen Rechtsextremismus, auseinandersetzen. Und vergangenes Wochenende fand das Treffen unter dem Schwerpunkt "Migration, Flucht und Vertreibung in Krisenzeiten" zum dritten Mal in Wien statt.

Frankreich. 1988. Hier liegen die Ursprünge des Projektes. Französische Widerstandskämpfer und Deportierte gründeten die Vereinigung "Mémoire des Déportés et des Résistants d’Europe - Relais de Mémoire". 2001 wurde die Vereinigung um das Jugendprojekt erweitert. Das Ziel: Den Jugendlichen in Europa soll nicht nur die Erinnerung, sondern auch die Sensibilität für politische Entwicklungen weitergegeben werden, erklärt Geschichte-Lehrerin an der Firnberg-Schule sowie Projektleiterin Emmanuela Schulz: "Es ging den Gründern und Gründerinnen darum, dass die Jugendlichen nicht das erleben müssen, was sie selbst erlebt haben. Um das zu verhindern, sollen sie das entsprechende Rüstzeug bekommen."

Im Jahr 2006 stießen zwei Wiener Schulen dazu. Die Hertha-Firnberg-Schule für Tourismus und Wirtschaft und das Gymnasium Stubenbastei. Für die Direktorin der Hertha-Firnberg-Schule, Maria Ettl, eine große Freude. Politische Inhalte stünden sowieso auf der Tagesordnung der Schulen. Dass dies in anderen berufsbildenden Schulen nicht immer so ist, bedauert sie: "Etwa 70 Prozent der Jugendlichen in Österreich wählen die Berufsbildung - natürlich inklusive der dualen Ausbildung. Hier könnte man weitreichend tätig sein und sensibilisieren. Die politische Bildung liegt in Österreich leider brach. Aber für mich ist Bildung ohne politische Bildung nicht denkbar."

Ähnlich scheint es den Jugendlichen zu gehen. Laura Grader und Selma Köhler waren bereits vier Mal bei einem dieser Treffen dabei - in Deutschland, Frankreich, Polen und eben in Österreich. Heuer bewegen sich die Schwerpunktprojekte, die die Schüler im Geschichtsunterricht vorbereiten und bei den Treffen in der Schule in der Donaustadt präsentieren, vom armenischen Genozid über die Rolle der "Senegalschützen" in den Weltkriegen bis hin zum aktuellen Thema des Exoduses der Rohingya.